Der Scheintod und der Stocker

Zum Artikel „Ein Scheintod kommt selten allein“ (Bayernteil):

Vor rund 200 Jahren entstand also nicht nur in Bayern, sondern in ganz Europa eine „Sterbehysterie“ – die Menschen hatten Angst, lebendig begraben zu werden. Laut einem der Vorschläge sollten Beerdigte, die im Sarg wieder aufwachen, an einer Schnur ziehen können, worauf eine Klingel außerhalb des Grabes läuten würde.

Nun, auch eine derartige Konstruktion hätte Franz Stocker aus Prien 1884 nicht helfen können. Laut historischen Quellen war er bei einer Holzfahrt in den Bergen schwer verunglückt. Im allgemeinen Krankenhaus in München fiel er nach mehreren Operationen in Wundstarrkrampf und war unfähig, auch nur einen Finger zu rühren. Man erklärte ihn für tot, legte ihn um 7 Uhr abends in den Sarg und trug ihn in die Leichenkammer. Stundenlang hatte er eine entsetzliche Angst, lebendig begraben zu werden. Dann, um 2 Uhr nachts, kamen zwei Wärter, nahmen ihn aus dem Sarg und trugen ihn zu den Ärzten. Dort wurde er am ganzen Leib massiert und gebürstet und unter den fortgesetzten Bemühungen der Ärzte wich schließlich die starre Lähmung.

Es herrschte eine unbeschreibliche Freude und Stocker erfuhr, wie es zu seiner Rettung kam. Der Assistenzarzt Dr. Schmiedbauer war um Mitternacht durch die Säle der Schwerkranken gegangen und vernahm, als er das leere Bett sah, dass sein Patient Franz Stocker bereits nachmittags gestorben wäre. Er wollte es nicht glauben, verständigte um 2 Uhr nachts Professor Nußbaum in dessen Wohnung und mit seiner Hilfe kam es so schließlich zu seiner Wiederbelebung. Später trug der Franz laut seinem Gelübde ein fast 2,50 Meter hohes Eichenkreuz zu Fuß von Prien nach Altötting. Er lebte noch 45 Jahre und starb 1929 mit 67 Jahren.

Dr. Richard Kirchlechner

Rott

Kommentare