Nordzulauf spaltet: Lautstarke Kritik

Der Meridian zwischen Rosenheim und Kufstein. Für den Brenner-Nordzulauf ist der Bau einer weiteren Bahntrasse durch das Inntal in der Diskussion. Matthias Balk/dpa
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Der Meridian zwischen Rosenheim und Kufstein. Für den Brenner-Nordzulauf ist der Bau einer weiteren Bahntrasse durch das Inntal in der Diskussion. Matthias Balk/dpa

Zur Berichterstattung über den Brenner-Nordzulauf (Regionalteil):

Österreich begann 1959 mit dem Bau der Brenner autobahn, vorgeblich um „Völker zueinander zu führen“. Dieses Großprojekt wurde als „Traumstraße der Alpen“ gerühmt. Kalkül der Österreicher war aber, Transitverkehr statt durch die Schweiz durch Österreich fließen zu lassen. Begründung: Der kleine Staat, damals an den Ostblock grenzend, würde sonst abgehängt.

Folglich gab man Pläne für die Alternativroute München -Schweiz - Mailand auf. Ländliche Gebiete im Bereich des gesamten Brennerkorridors, insbesondere im Tiroler Inntal, wurden stark verdichtet. Die „Traumstraße der Alpen“ spaltet jetzt als „Alptraumstraße“ die Völker. Österreich ließ damals einen vermeintlich dienstbaren Flaschengeist namens Transit entweichen, den man jetzt, da vom Diener zu Herrn geworden, verzweifelt wieder einzufangen versucht. Autobahnabfahrten werden verriegelt. Transit soll künftig auf Schienen gezwungen im Brennerbasistunnel und auf neuen Zulaufstrecken unter Kontrolle gebracht werden.

Verwundert angesichts der historischen Entwicklung das Misstrauen im bayerischen Inntal gegenüber den österreichischen Bahnplanern und der Wirtschaftslobby? Letztere fordert unter dem Deckmantel des Klimaschutzes vehement eine Neubautrasse, nicht zuletzt mit der Begründung, die Region werde abgehängt, weil der Bahnverkehr sonst Richtung Schweiz fließe.

Das wäre eine Entlastung für die Betroffenen, deren Befürchtung der Stephanskirchener Bürgermeister Auer in einem Video in Worte fasst: „Das Inntal wird zur Verkehrschleuse verkommen.“ Wer aber den Geist von Profitstreben und Größenwahn auf Kosten seines Lebensraumes und damit auch eine unnötige Neubautrasse ablehnt, wird als unsozial, wirtschafts- und klimafeindlich hingestellt.

Frieder Storandt

Neubeuern

Leider wurde versäumt, den Artikel „Tunnel wäre ein Glücksfall“ am 19. August im OVB mit den Hinweis „Werbeveröffentlichung der Tunnelbaufirmen“ zu versehen. Der gelobte Trassenvorschlag „Violett“ ist kein Zugeständnis des Bauherrn, sondern das Planungsrecht verlangt, dass alle Varianten geprüft werden. Betrachtet man die Grobtrasse „Violett“ unter drei Kriterien, sind schon jetzt Probleme erkennbar.

Verkehr und Technik: Die Trasse ist etwa 50 Kilometer lang, davon 34 Kilometer im Tunnel. Störfälle können auch im Tunnel vorkommen und müssen beherrscht werden. Tunnel haben gegenüber oberirdischen Strecken grundsätzlich einen erheblichen Mehraufwand bei der Instandhaltung. Raum und Umwelt: Der Zulauf von Aubenhausen bis Tunnelbeginn Ringelfeld beträgt rund elf Kilometer. Diese Strecke führt durch besiedeltes Gebiet, belastet somit auch Anwohner und macht eine Innquerung bei Langenpfunzen notwendig. Die Auswirkungen des Tunnelbaus auf Grund- und Trinkwasser sind noch unbekannt. Die oberirdische Variante an Rohrdorf, Neubeuern und Nußdorf vorbei ist wegen der Ortsnähe abzulehnen. Dazu kommen die Eingriffe für die zweite Innquerung.

Kosten und Risiken: Die Kosten für den 55 Kilometer langen Brennerhaupttunnel werden auf 9,3 Milliarden Euro geschätzt, das sind rund 169 Millionen Euro pro Tunnelkilometer. Im Vergleich mit der Grobtrasse „Gelb“, die etwa 19 Kilometer Tunnellänge hat, sind 15 Kilometer Tunnelstrecke mehr zu finanzieren. Dazu kommen Kosten für die Innquerungen und der Mehraufwand bei der Instandhaltung der Tunnel. Es muss bezweifelt werden, dass ein positives Nutzen-Kostenverhältnis erreicht wird.

Fazit: Die kritische Begleitung des Planungsprozesses darf wegen einer vermeintlich „angenehmen“ Lösung nicht beendet werden.

Peter Kasperczyk

Bernau

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