Nawalny: Weiter viele Fragen offen

Zur Vergiftung von Kremlkritiker Alexej Nawalny und den politischen Folgen haben unsere Leser unterschiedliche Meinungen.
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Zur Vergiftung von Kremlkritiker Alexej Nawalny und den politischen Folgen haben unsere Leser unterschiedliche Meinungen.

Zur Berichterstattung über die Vergiftung von Kremlkritiker Alexej Nawalny (Politik/Kommentar von Markus Mäckler):

Diktatoren bevorzugen es, ihre gefährlichsten Kritiker zu eliminieren. Entweder lassen sie diese zersägen (wie den saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi) oder mit Polonium verstrahlen (wie die Doppelspione Litwineko 2006 in London und Skripal 2018) oder eben vergiften wie Kremlkritiker Alexej Nawalny jüngst in Russland. Die Auftraggeber bleiben meist anonym und waschen ihre Hände in Unschuld.

Es ist kaum anzunehmen, dass Wladimir Putin so dumm ist, den Auftrag zu erteilen, seinen ärgsten Kritiker vergiften zu lassen. Vielmehr darf vermutet werden, dass er seine Geheimdienste, speziell den FSB, nicht unter Kontrolle hat und dieser nach eigenem Gutdünken operiert. Andererseits ist Putin auf seinen Geheimdienst sowohl im Inland als auch im Ausland (zum Beispiel Berliner Tiergartenmord) angewiesen.

Auffällig ist, dass nicht die Toxikologen der Charité, sondern Laborspezialisten der Bundeswehr den Nervenkampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe im Körper von Nawalny entdeckten, was darauf schließen lässt, dass die Bundeswehr einiges Wissen über dieses völkerrechtlich geächtete Nervengift hat. Es wäre klug gewesen, sofort neutrale Experten (zum Beispiel aus der Schweiz) in die Untersuchungen einzubinden, weil hier offensichtlich ein zu ahndendes Verbrechen vorliegt. Aber unsere Hardliner fordern sofortige Gegenmaßnahmen und Sanktionen gegen Russland. Die Nord-Stream-Pipeline solle unmittelbar – ganz im Sinne der USA und der Nato – gestoppt werden. Klingt gut, ist aber zu kurzsichtig.

Meine Ansicht ist: Lasst die Russen die Pipeline fertig bauen. Ob dann der Hahn aufgedreht wird, entscheiden allein wir und weder Wladimir Putin noch Donald Trump. Es hat meines Erachtens wenig Sinn, sich von einer „Abhängigkeit“ in eine andere zu begeben.

Jürgen Engelhardt

Stephanskirchen

Natürlich sind die Verbrechen schrecklich und erfordern Verfolgung. Aber die Rückkehr zum „Kalten Krieg“ wäre gefährlich und würde allen schaden. Von einer Sicherheitspartnerschaft ohne die USA darf man gewiss nicht träumen. Auch wenn uns Großbritannien und die USA folgend ihrer Geopolitik unter anderem globales Herrschaftsstreben, Finanzoligarchie mit entfesselten Finanzmärkten, Konzernmächte, globales Freund-Feind-Denken mit Interventionskriegen, Hunger, Elend, Flucht und – selbst bei uns – prekären Arbeitsverhältnisse gebracht haben.

Erster Grundsatz: Höret zuerst die andere Seite! Russland wurde umfänglich militärisch eingekreist und vom G8-Gipfel ausgeschlossen. Und in wessen Interessen hat es den Aufstand in Weißrussland finanziert und mit welchem Ziel gesteuert? Vor der Haustür mit der Gefahr eines Regierungswechsels.

Meines Erachtens hat bei vielen gegensätzlichen Machtinteressen weder Putin noch Trump die Alleinherrschaft. Putin fordert den P5-Gipfel mit den ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates. Da passt der Fall Nawalny nicht ins Konzept. Also nach unserem Rechtssystem: keine Vorverurteilung!

Corona zeigt uns: In der globalen Welt führt nur die globale Zusammenarbeit ohne Ausgrenzung, Wirtschaftskrieg oder gar Krieg zum Erhalt von Frieden und Wohlstand. Als Beispiel sei die internationale Zusammenarbeit am Iter-Fusionsreaktor zur CO2-freien Energiegewinnung genannt. Der Green Deal führt zur Deindustrialisierung.

Im Übrigen gibt es viele Beispiele, wie man mit Opposition umgehen kann. Das habe ich (Jahrgang 1938) in der Friedensbewegung erlebt. Mit der Hoffnung auf allseitige Vernunft zum gemeinsamen Vorteil.

Hans-Jürgen Ehlers

Rosenheim

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