Naive Vorstellung eines strafenden Gottes

Für viele ist die Vorstellung, Gott würde die Menschheit mit Corona strafen, abwegig. Im Bild eine Krankenpflegerin, die sich auf einer Intensivstation um einen Covid-19-Patienten kümmert.
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Für viele ist die Vorstellung, Gott würde die Menschheit mit Corona strafen, abwegig. Im Bild eine Krankenpflegerin, die sich auf einer Intensivstation um einen Covid-19-Patienten kümmert.

Zu „Der strafende Gott und die sündige Welt“ und „Gottes Schöpfung und Corona“ (Leserbriefe):

An alle Glaubensfanatiker und selbsternannten Prediger und Bekehrer: Auch das sind Verschwörungstheorien. Wenn es denn einen „Chef des Universums“ gäbe, hätte er nach Eurer eigenen Lehre doch niemals Strafen im Sinn, sondern angeblich nur Vergebung und Güte! Und wenn es einen gäbe, würde er nicht auch solchen Besserwissern sicher Demut lehren? Vielleicht ist das Virus ja die Lehre für die Arroganz, zu meinen, auf der richtigen Seite zu stehen. Auch Andersdenkende haben ihre berechtigten Ansichten und sind trotzdem verantwortungsvolle Menschen! Und das gilt nicht nur für Religionsanhänger, sondern allgemein zum Thema Corona!

Martina Schmid

Neubeuern

Die irrtümliche Annahme, die aktuelle Corona-Pandemie sei eine Strafe Gottes, beruht auf einer naiven persönlichen Gottesvorstellung, die auf das Alte Testament zurückgeht. Die Sintflut, das Ende des Turmbaus zu Babel, die Vernichtung von Sodom und Gomorrha und die zehn ägyptischen Plagen – all das und noch viel mehr sollen laut Bibel Strafen Gottes gewesen sein. Dahinter steht die märchenhafte Personifizierung Gottes als eines „Vaters im Himmel“, der seine Kinder, die Menschen, belohnt oder bestraft. Das lateinische Wort „persona“ bedeutet „Maske“. Gottes „Person“ ist nur eine von Menschen gemachte Maske. Gott verbirgt sich vor dem Menschen, das ist sein grundlegender Wesenszug. Und dennoch: Gott offenbart sich. Der Kosmos ist die erste und natürliche Offenbarung Gottes. Alles ist von Gott und Gott ist in allem. Diese Auffassung nennt man gemeinhin „Pantheismus“. Danach ist Gott mit der Natur (Kosmos) identisch. Der jüdische Philosoph Spinoza (17. Jahrhundert) vertrat diese Ansicht. Für Spinoza ist Gott keine Person, er hat keine Individualität. In Albert Einstein fand Spinozas Lehre einen großen Bewunderer: „Ich glaube an den Gott Spinozas, der sich in der planmäßigen Harmonie dessen, was ist, offenbart, nicht an einen Gott, der sich um die Schicksale und Handlungen der Menschen kümmert.“ Einem „lieben Gott“ mit menschlichen Eigenschaften konnte Einstein nichts abgewinnen. Wenn man alle Ereignisse einseitig religiös als Lohn oder Strafe eines persönlichen Gottes interpretiert, so zerstört man den gesunden menschlichen Begriff von Ursache und Wirkung (Kausalität). Damit hat man nach Friedrich Nietzsche „das größte Verbrechen der Menschheit begangen“ und verhindert letztlich jede wissenschaftliche Erkenntnis. Genau darauf stützt sich die religiöse Herrschaft der Priester, auf ihr Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen (Nietzsche).

Ulrich Kretzschmar

Prien

Seit Wochen lese ich mit Erstaunen die Ansichten der Leserbriefschreiber zu dieser Thematik. Kaum zu glauben, welche Überzeugungen hier vertreten werden. Corona ist also eine Strafe Gottes. Interessant finde ich die Ansichten von Frau Kutschenreuther. Ihrer Meinung nach kann uns nur der tägliche Rosenkranz und die Beichte retten. Meine Frage ist, was denn nun die rund 70 Prozent der Weltbevölkerung, die nicht christlichen Glaubens sind, tun können? Haben die alle keine Chance? Oder müssen sie sofort konvertieren ?

Markus Huber

Reichertsheim

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