Mitten in der Rechtschreibanarchie

Die neue Ausgabe des Duden sorgt aufgrund der gendergerechten Sprache für Kritik bei den Lesern.
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Die neue Ausgabe des Duden sorgt aufgrund der gendergerechten Sprache für Kritik bei den Lesern.

Zur Berichterstattung über den gendergerechten Online-Duden (Politikteil/Leserbriefe):

Da ich zu keiner der angeführten „vielen ernsthaften Debatten“ eingeladen wurde, behaupte ich, dass es sich nicht über den Wunsch einer repräsentativen Mehrheit im Land handelt. Natürlich gewöhnen wir uns an fast alles, aber nicht alles ist deswegen gut und schön. Ich habe mich auch daran gewöhnt, dass seit den letzten Reformversuchen jeder schreibt, wie er will – auch ich. Der Duden ist also überflüssig.

Auch habe ich mich daran gewöhnt, dass regelmäßig das und dass verwechselt wird. Das gefällt mir aber trotzdem nicht. Bei dem jetzt gängigen Verschnörkelungsgemisch fehlt mir eine klare Richtung. Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich, Binnen-I, Epilepsie-ähnliches Genicke im TV oder Stottern im Radio oder gleich alles verweiblicht? Ja was denn nun? Das Sternchen wurde mir auch noch nicht kompetent erklärt. Von wem auch, von der Astro nomie?

Bis auf Weiteres herrscht (oder fraut?) also Rechtschreibanarchie. Was auch immer mit diesen Experimenten erreicht werden soll, eine allseitige Verunsicherung ist jetzt schon das Ergebnis.

Ich könnte fast täglich unbeholfene Stilblüten zusammentragen. Der Gipfel war, als ich letztes Jahr in einem Mitgliederrundbrief allen Ernstes begrüßt wurde mit „Liebe Mitglieder und Mitgliederinnen“. Die Verantwortung dafür dürfen Sprachschänder jeglichen Geschlechts gerne für sich beanspruchen. Leute, welche nicht zur intellektuellen Elite gehören, müssen halt fressen, was man ihnen vorsetzt. Während hier die Sprache immer komplizierter verbogen wird, bieten unsere Behörden dann für die „armen Dummen“ Hilfestellung in „Leichter Sprache“ an. Ich hoffe, dass das OVB wenigstens für mich weiterhin durch ihre klare und einfache Schreibweise lesenswert bleibt!

Hans Neumayer

Schechen

So nach und nach verspielt der Rechtschreib-Duden seinen Ruf als „das“ Nachschlagewerk. Germanisten wissen, dass es auch noch andere gibt, wie etwa den „Wahrig“. Als „Hure der Umgangssprache“ wurde der Duden schon benannt, und die Tatsache, dass er diese gewissenhaft als solche abbildet, ist hilfreich, auch wenn das der Aufnahme in den zitierfähigen Sprachgebrauch Vorschub leistet – wie auch Anglizismen bisherige Begriffe verdrängen, wie derzeit der „Hotspot“ den „Brennpunkt“.

Die Schreibweise der „Maß“ Bier, von dieser Zeitung aufgrund der hiesigen Aussprache vor Jahren gegen den Duden als „Mass“ eingeführt, wurde bald auch von anderen Medien zugunsten der „Mass“ fallen gelassen.

Der Duden, 15. Auflage von 1961 aus meiner Schülerzeit, kannte nur die Maß als „bayr.-österr. u. schweiz. für ein Flüssigkeitsmaß“; Mass gab es nur als „Mass. = Massachusetts“, dafür aber den „Maßkrug“. Der aktuelle Duden verzeichnet die Maß oder Mass als „bayr. u. österr. Flüssigkeitsmaß“. Ich bin mal gespannt, ob neben dem aktuellen „Piks“ demnächst aufgrund der Aussprache der „Pieks“ Eingang in eine Neuauflage findet.

Was aber jetzt nach der missglückten Rechtschreibreform, die zu einem Vor- und Zurückruder-Wettbewerb verkam, vom Duden angezettelt wird, schlägt sozusagen dem Fass das Ei des Damokles ins Gesicht.

Die unsägliche Genderei, wenn sie nicht sprachlich sauber gelöst werden kann wie bei „Studierenden“, zeigt, wo gewisse Teile unserer Gesellschaft ihre Daseinsprobleme verorten. Sternchen, Schräg- und Unterstriche sind nicht vorlesbar, daher sinnlos, und verhunzen das Schriftbild.

Ein Günter Grass hätte sich das für seine Romane ebenso verbeten, wie er die Neuauflagen seiner Romane in neuer Rechtschreibung ablehnte. Eine Berliner Schulsenatorin bekam vor Jahrzehnten noch einen plötzlichen Lachanfall, als sie bei einer Kindergarteneröffnung aus Versehen die „lieben Kinder und Kinderinnen“ begrüßte.

Ich erwarte demnächst aus dem Duden-Verlag „Die Dudin“ für die deutsche Rechtschreiberin.

Hendrik Heuser

Rosenheim

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