Eine Schande für Land und Gesellschaft

Blumen, Kerzen und Fanschals lagen und hingen Tage nach dem Terroranschlag vor dem Kiez-Döner in Halle. Am 9. Oktober hatte der Deutsche Stephan B. schwer bewaffnet erst versucht, in eine Synagoge einzudringen. Als sein Plan misslang, erschoss er auf der Straße eine 40 Jahre alte Frau und kurz darauf einen 20-jährigen Mann in dem Döner-Imbiss. dpa
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Blumen, Kerzen und Fanschals lagen und hingen Tage nach dem Terroranschlag vor dem Kiez-Döner in Halle. Am 9. Oktober hatte der Deutsche Stephan B. schwer bewaffnet erst versucht, in eine Synagoge einzudringen. Als sein Plan misslang, erschoss er auf der Straße eine 40 Jahre alte Frau und kurz darauf einen 20-jährigen Mann in dem Döner-Imbiss. dpa

Zur Berichterstattung über den Terroranschlag von Halle und die Reaktionen der Politik.

Es ist eine Schande für unser Land und die Gesellschaft, dass jüdische Mitbürger nach der grausamen und menschenverachtenden Nazidiktatur ihres Lebens in Deutschland nicht mehr sicher sind. Die Tat eines verblendeten und hasserfüllten Rechtsextremisten ist abscheulich und kann nur auf das Schärfste verurteilt werden. Es gilt klar zu sagen Antisemitismus, Rassismus und Judenhass, egal ob von Rechts- oder Linksextremisten oder Islamisten, ist scharf zu verurteilen und der Staat hat hier entschieden mit aller Härte des Gesetzes einzuschreiten. Man fragt sich aber auch, wie kann es sein, dass ein mit einem Messer bewaffneter Syrer versucht, sich gewaltsam Zutritt in eine Berliner Synagoge zu verschaffen, von der Polizei verhaftet wird, aber von der zuständigen Staatsanwaltschaft kein Haftbefehl erlassen wird? Dieser Täter befindet sich wieder auf freiem Fuß. Ich bin kein Jurist, aber mit dem logischen Menschenverstand lässt sich dies nicht mehr nachvollziehen. Wie kann es sein, dass in Berlin bei Demonstrationen israelische Fahnen verbrannt wurden und offen zum Hass auf Israel und Juden aufgerufen wird? Zu viele schweigen dazu, sei es aus Angst oder Gleichgültigkeit. Sonntagsreden und öffentliche Bekenntnisse – obwohl vielleicht gut gemeint – helfen da wenig. Auch der Staat hat zu lange weggeschaut und nicht genug getan. Ich liebe mein Vaterland Deutschland und es macht mich traurig zu sehen, wohin sich die Gesellschaft entwickelt hat; Lieblosigkeit, Spaltung, Hass und Hetze. Von Gott und den Zehn Geboten hat man sich weitgehend verabschiedet. Und genau dies scheint mir die Ursache für die gegenwärtigen Zustände und Probleme zu sein.

Christian Hilger

Stutensee

Ob Menschen vor einer Synagoge erschossen oder vor einen herannahenden Zug gestoßen werden, es ist immer dasselbe. Noch bevor die Ermittlungen abgeschlossen sind, kommen Politiker mit der Forderung nach schärferen Gesetzen, mehr Überwachung, mehr Polizei. Bei der Tötung am Bahnsteig war sogar von Bahnsteigsperren und Grenzkontrollen zur Schweiz die Rede. Gleichzeitig wird betont, dass es keine absolute Sicherheit gebe. Zwar ist es richtig, Straftaten durch genügend Polizei wirksam zu verfolgen, die Erforschung der Ursachen wird aber völlig ausgeblendet. Woher kommt es, dass es immer mehr Menschen ohne Mitgefühl gibt? Der Psychiater und Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz schreibt von der narzisstischen Gesellschaft. Was läuft schief im Kindheits- und Jugendalter? Mehr Aufklärung über die Verbrechen des Dritten Reiches kann das nicht mehr ändern, prägend sind die ersten Kindheitsjahre. Was sagen die Politiker, die für Kinder und Jugendliche zuständig sind? Befragt man Kriminologen, ob schärfere Gesetze überhaupt etwas bringen? Wer glücklich und zufrieden ist, der tötet keine Menschen und verbreitet nicht Hass und Hetze im Internet.

Alfons Schwarzenböck

Aschau am Inn

Kann es nicht sein, dass der von verschiedener Seite immer wieder geforderte Kampf gegen Antisemitismus gerade das Gegenteil bewirkt? Wenn jetzt auch noch der frühere bayerische Kultusminister und jetzige Antisemitismusbeauftragte einfordert, dieses Thema noch mehr in den Schulen zu behandeln, werden nicht wenige Schüler wohl eher negativ reagieren, nachdem sie im Geschichtsunterricht mit NS-Zeit und Holocaust schon eh übersättigt sein dürften. Wenn es daneben schon jüdische Grundschulen gibt und in München ein jüdisches Gymnasium eingefordert wird, sollte man da nicht auch Verständnis für solche Mitbürger haben, die sich an dem „Zuviel-Getue“ um das Judentum stören? Mit solchen Formen von Philosemitismus lassen sich die Verbrechen im Dritten Reich, die über Jahrhunderte angewachsen sind, nicht beseitigen. Wenn angesichts des Anschlags in Halle unser Innenminister wie auch der Bundespräsident von einer Schande für unser ganzes Land sprechen, werden damit nicht all diejenigen beleidigt, die sich seit Jahren für Integration und Völkerverbindung einsetzen? Diesbezüglich könnte allerdings noch mehr geschehen, wenn sich unsere Großkirchen mit Vertretern des Islams wie des Judentums endlich für einen gemeinsamen religionskundlichen Unterricht an allen Schulen einsetzen würden. Hier könnte man schnell merken, dass diese Religionen weitgehend gleiche Ziele verfolgen und Vorurteile wie Halbwissen noch immer viel Schaden anrichten. Das würde mehr einbringen als vor jeder Synagoge ein Polizist. Wenn gerade der Anschlag am jüdischen Festtag der Versöhnung stattfand, so könnte dies doch auch Anlass sein, mehr die Annäherung zu allen Religionen zu suchen. Da scheint der Geist der Besitzstandswahrung immer noch stärker zu sein. Kein Wunder, wenn so Absicherungen und Feindbilder kaum abnehmen.

Simon Kirschner

Bad Endorf

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