Ein Zerrbild der Kirche

Zu „Zweifelhafte Verdienste der katholischen Kirche“ (Leserbriefe):

In den Leserbriefen werden die Verbrechen der katholischen Kirche aufgezählt, die sie – korrumpiert durch Macht – begangen hat. Leider kann nicht widersprochen werden. Aber es gibt auch eine andere Seite der Kirche, die auch in allen Jahrhunderten wirksam war, vertreten durch Menschen wie Franz von Assisi, Teresa von Avila oder Elisabeth von Thüringen. Diese Reihe lässt sich fortsetzen bis in unsere Zeit. Da gibt es Menschen, die Essen für Tafeln organisieren oder Sprachunterricht für Flüchtlinge erteilen. Christen nehmen sich der Leprakranken in den Slums von Kalkutta an. Sie werden dort keine Atheisten finden, die sich um die Ärmsten der Armen kümmern. Im Gespräch mit Atheisten kann man aber immer wieder spüren, dass sie sich intellektuell den Christen überlegen fühlen. Intellekt ist nicht das ganze Leben. Es gibt schon zu denken, dass die Leserbriefschreiber bei ihrer Kritik fast nur die negativen Seiten der Kirche sehen. Das mag auch daran liegen, dass unser Bild von Kirche geprägt ist von alten, wackligen Männern mit Spitzhaube im Petersdom – sicher ein Zerrbild. Von Menschen, die sich täglich um Hilfebedürftige kümmern, die am Rande unserer Gesellschaft gehen, gibt es keine so spektakulären Bilder. Aber sie sind eigentlich der wesentliche Teil der Kirche. Damit sind die Verbrechen der Kirche keineswegs aufgewogen. Aber zu einem gerechten Urteil gehört es, beide Seiten in den Blick zu nehmen.

Josef Grundner

Stephanskirchen

Der Kirchenkritik von Gudrun Baumann-Sturm und Jürgen Nothaft ist noch ergänzend beizufügen, dass eine konsequent im Geiste Jesu Christi reformwillige Kirche nicht nur die Kreuzzüge und Kirchenspaltungen verhindert hätte, sondern auch aktuelle Dringlichkeiten wie die Abschaffung der unseligen Kirchensteuer offensiv angehen sollte. Die Zugehörigkeit des Einzelnen zur Gemeinschaft der Kirche ist durch die Taufe und nicht durch Geldzahlungen definiert. Es ist folglich höchste Zeit, dass die Herren der Deutschen Bischofskonferenz und ihre Schwestern und Brüder der evangelischen Kirche aus ihrem Schlaf der finanziellen Sicherheit erwachen und gemeinsam mit dem Staat die bisherige vertraglich geregelte Kirchensteuererhebung in ein Zahlungssystem umwandeln, durch das die Kirchen Gelder für ihre sozia len Dienstleistungen, Einrichtungen und Projekte direkt vom Staat erhalten. Die Kirche ist aber nicht nur reformbedürftig, sondern auch der Reform würdig, denn sie ist von Jesus Christus gestiftet und stellt diesen in seiner gesamten Fülle, in Kreuz und Auferstehung dar. In ihr findet heilvolle menschliche Wandlung durch die Begegnung mit dem liebenden Gott statt. Zu hoffen bleibt, dass sich an jeder entscheidenden Position in der Kirche eine Frau oder ein Mann befindet, die oder der anderen wahre Orientierung vermittelt. „Er [Sie] glänzt vor uns, wie ein Komet entschwindend, unendlich Licht (Gott/Liebe) mit seinem (ihrem) Licht verbindend“, so heißt es bei Johann Wolfgang von Goethe.

Hans-Jürgen Langer

Rosenheim

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