Das andere Amerika

Zur Berichterstattung über die Stürmung des US-Kapitols (Politikteil):

Wenn in der größten Demokratie der Welt das Parlamentsgebäude gestürmt wird, dann hat sich etwas verändert. Und das ist genau das Problem. Früher waren es nur Bananenrepubliken, heute sind es traditionelle Staaten, in denen so etwas passiert. In einer Welt mit Staatsoberhäuptern wie Bolsonaro in Brasilien, Orban in Ungarn, Lukaschenko in Belarus, Erdogan in der Türkei, Putin in Russland, Kaczynski in Polen, usw. darf man sich über nichts mehr wundern. Man muss alles für möglich halten.

In den USA haben rund 50 Prozent der Wähler für Trump gestimmt. Der Mob, der das Kapitol gestürmt hat, repräsentiert also fast die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung oder zumindest einen erheblichen Teil davon. Die akzeptieren ihre eigene Demokratie nur solange, wie sie ihnen nicht im Weg steht. Schaut man sich die Bilder der Erstürmung an, muss man erschrecken. Das sind auch Amerikaner.

Wir Europäer sehen gerne das Establishment im Osten und Westen der USA als das eigentliche Amerika an. Ein Irrtum, wie sich jetzt zeigt. Die USA haben sich jetzt von ihrer andere Seite gezeigt. Es ist eine Fratze, die einen da anstarrt. Und davor muss man sich fürchten und es nicht vergessen, wenn man mit ihnen Handel betreibt, Verträge macht oder politisch verhandelt. Und uns hier in Europa, aber auch sonst in der Welt, muss es eine Warnung sein. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, auch wenn der Staat eine demokratische Verfassung hat.

Reinhard Deutsch

Bruckmühl

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