Pro und contra Beschneidung

Vor der Beschneidung: Kinderchirurg mit Skalpell. Foto dpa
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Vor der Beschneidung: Kinderchirurg mit Skalpell. Foto dpa

Zum Thema "Beschneidung" (Berichte im politischen Teil, Leserbriefe):

Das Grundrecht der Religionsfreiheit besagt, dass jeder Mensch selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden soll. Daraus ergibt sich, dass es Eltern nicht zusteht, die Entscheidung, die ihre Kinder hierzu einmal treffen werden, durch einen irreversiblen körperlichen Eingriff im Säuglingsalter gleichsam vorweg zu nehmen. Wer an seinem unmündigen und hilflosen Sohn eine rituelle Beschneidung vornehmen lässt und sich dabei auf das Recht der Religionsfreiheit beruft, der verhöhnt die Religionsfreiheit des Kindes sowie dessen Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit. Denn wenn der Sohn sich später einmal entscheiden sollte, Christ, Hindu oder auch Atheist zu werden, wird er an seinem Penis immer spüren, dass es ihm quasi vorbestimmt wurde, für immer Jude oder Muslim zu sein. Im Namen der Religionsfreiheit kann eine rituelle Beschneidung also nur dann stattfinden, wenn der Betroffene im entscheidungsfähigen Alter allein über diesen Schritt bestimmt hat. Dasselbe gilt übrigens auch für die christliche Taufe. Schließlich glaubt kein seriöser gläubiger Christ heute noch ernsthaft, dass seine Kinder, sollten sie vor der Taufe sterben, nicht in den Himmel kommen. Also muss es doch möglich sein, damit zu warten. Und noch etwas: Ginge es bei der Beschneidung um eine religiös bedingte Verstümmelung junger Mädchen, so wäre sie in Deutschland auf Druck der Frauenrechtsbewegung gewiss schon seit Jahrzehnten verboten! Und zwar völlig zu Recht!

Ferdinand Hinke

Bernau

Um die Bedeutung der Beschneidung für Juden ermessen zu können, muss man die Geschichte Israels kennen. Die Beschneidung alles Männlichen wurde Abraham von Jahwe selbst geboten als Bundeszeichen zwischen ihm und Abraham und seinen Nachkommen. Es galt und gilt als Zeichen der Zugehörigkeit zum Volk Jahwes (Gen 17,10-14). Es ist also nicht irgendeine beliebige Tradition, sondern ein Gottesgebot, dem Dekalog gleichgestellt. Es ist auch kein Irrtum Gottes in der Schöpfung, wie Frau Vonzin meint. Ein Verbot der Beschneidung bedeutet für die Juden die Trennung von Gott. So gesehen ist der Vergleich mit dem Holocaust nicht verwunderlich. Ein theologisch gebildeter Mann wie Herr Weindl müsste das wissen. Er beruft sich auf die Erklärung "Dignitatis humanae" des II. Vatikanums, interpretiert sie aber falsch. In der Erklärung heißt es: "Das Recht ... auf religiöse Freiheit muss in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, dass es zum bürgerlichen Recht wird." Das heißt: Das bürgerliche Recht muss religiöses Brauchtum anerkennen und somit die Voraussetzungen schaffen, dass der Mensch in religiöser Freiheit leben kann. Herr Weindl vollzieht den Umkehrschluss, der aber der Erklärung nicht implizit ist.

Georg Gottinger

Taufkirchen

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