Brenner: Noch viele offene Fragen

Während im Rosenheimer Kultur- und Kongress-Zentrum die Ergebnisse des abgeschlossenen Raumordnungsverfahrens zum Brenner-Nordzulauf vorgestellt wurden, protestierten vor dem Kuko Demonstranten gegen den Bau des neuen Verkehrsweges.
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Während im Rosenheimer Kultur- und Kongress-Zentrum die Ergebnisse des abgeschlossenen Raumordnungsverfahrens zum Brenner-Nordzulauf vorgestellt wurden, protestierten vor dem Kuko Demonstranten gegen den Bau des neuen Verkehrsweges.

Zum Ergebnis des Raumordnungsverfahrens für den Brennerbasistunnel (Regionalteil):

Im Zuge der Vorstellung des Raumordnungsverfahrens haben Verkehrsministerin Kerstin Schreier und auch Regierungspräsidentin Maria Els erhebliche Nachbesserungen als Ergebnis der Einwendungen festgestellt und als Hausaufgabe an die Deutsche Bahn AG weitergegeben. Geradezu im Gegensatz dazu hat Herr Josel als Vertreter der Bahn dargestellt, wie transparent und in Übereinkunft mit der Bevölkerung die Planungen ablaufen würden.

Seien wir gespannt, ob die Bahn die von Landrat Otto Lederer geforderten 80 Prozent Tunnellösung in irgendeiner Form aufgreift und bei der weiteren Planung berücksichtigt. Die Warenströme werden sich sicher anders entwickeln als derzeit angenommen wird. Auch wird Industrie 4.0 eine Fertigung vor Ort beschleunigen, womit lange Lieferketten nicht mehr gebraucht werden. Es gibt bereits genügend Beispiele aus der Industrie, die sollten auch Wirtschaftsminister Aiwanger bekannt sein.

Roland Baumann

Neubeuern

2019, vor der Corona-Zeit, rollten 2,4 Millionen Lkw im Jahr über den Brenner. Das sind, zieht man Wochenenden und Feiertage ab, rund 10 000 Schwerlaster am Tag. Mit der Fertigstellung des Brennerbasistunnels etwa 2030 wird der gesamte Schwerverkehr durch die neue Alpenröhre hindurchgeleitet. Österreich und Italien werden es rechtlich oder alternativ preislich auf die Reihe bekommen, dass kein Lkw durchgängig zwischen Innsbruck und Bozen über den Brennerpass fahren darf. Die letzte Station wird dann Wörgl in Tirol sein, wo die Fahrzeuge auf die Bahn aufgeladen werden. Das wird dann folglich zwischen 2030 und dem nun angepeilten Termin für die neue Bahntrasse rund um Rosenheim in 2040 zu extremen Verkehrsaufkommen, sprich Blockabfertigungen, führen.

Wie wir es ja schon kennen, gibt es dann tägliche Staus zwischen Irschenberg und Kiefersfelden. Wenn unsere Verkehrsministerin Frau Schreyer nun kundtut, dass es noch nicht klar ist, ob Bedarf besteht, befremdet dies sehr. Nur „Nein“ sagen zur neuen Trasse hilft wenig, wenn zehn Milliarden Euro für den Tunnel investiert werden und Österreich aus Umweltschutzgründen die Durchfahrt auf der Autobahn in Zukunft versperrt. Es braucht einen Schlichter, der die bestmögliche Trasse mit den bestmöglichen Anforderungen an Umwelt, Lärm und Ökonomie verwirklicht. Zwischen Bürgerinitiativen, Gemeinden, Kreis, Anwohnern, Bahn, Land und Bund benötigt es einen Vermittler, der ökonomisch und ökologisch dieses Projekt zeitnah zu Ende führt, um einen Verkehrsgau zu vermeiden.

Heinz Dommel

Aschau im Chiemgau

Auf den ersten Blick scheint das Ergebnis des Raumordnungsverfahrens die Variante Violett zu favorisieren, da eine lange Tunnelstrecke – wie gewünscht – die Trasse unsicht- und unhörbar und somit einigermaßen raumverträglich machen würde. Dennoch bestehen für diese vermutlich unüberwindbare Hürden: Sie erfordert nämlich zwingend die Verknüpfungsstelle Niederaudorf. Deren Raumverträglichkeit wird negativ beurteilt.

Ferner ist eine zweimalige Innquerung notwendig. Davon ist zumindest die nördliche im Bereich Langenpfunzen nach dem Ergebnis der Planungswerkstatt nur als Überquerung möglich. Die unter anderem von der Stadt Rosenheim geforderte Unterquerung wurde bereits planungstechnisch verworfen. Für die südliche Variante müsste nach Wegfall der Verknüpfungsstelle Nieder- audorf eine neue Trasse mit Anschluss an eine der beiden verbliebenen Verknüpfungsstellen im Inntal gesucht werden, falls Violett weiterverfolgt werden soll. Die Planung müsste von vorn beginnen.

Bei den westlichen Varianten sind lange Tunnelbereiche außerhalb der Berg region nicht vorgesehen, was den Wunsch der Region nach langen Tunnelstrecken platzen lässt. Nun wird das Planungsteam weiter nach Schema F vorgehen. Das bedeutet eine Beurteilung der verbleibenden Trassen nach dem Kriterienkatalog und die Präsentation einer Vorzugstrasse, die verfahrensrechtlich kaum mehr angreifbar ist, falls keine groben Fehler vorliegen. Dann kommt es auf die politische Entscheidung über den Bedarf an. Dieser erfährt derzeit durch die massiven Auswirkungen der Pandemie einen neuen Aspekt, dessen langfristige Wirkung nicht absehbar ist.

Fazit: Blau ist weg, Neubeuern und Nußdorf können aufatmen, aber alles andere ist offen.

Manfred Kreibig

Pocking

Man liest und staunt! Das ist man von Mitgliedern der CSU bislang nicht gewohnt, dass sie plötzlich, so wie Frau Schreyer oder Frau Ludwig, den Bedarf für ein Verkehrsprojekt hinterfragen. Eine solche Grundhaltung hätte ich mir bei Straßenbauprojekten auch mal gewünscht. Zum Beispiel in Bezug auf den sechsspurigen Ausbau der A 8, bei der sogar der Bundesrechnungshof den Bedarf hinterfragt.

Willi Messing

Bad Aibling

Manche Gemeinde reagiert erleichtert auf die Verkündung der Trassenbewertungen. Ihre Trasse (blau) ist bereits gestrichen, oder sie verlassen sich da rauf, dass eine großzügige Tunnellösung realisiert wird. Sie vergessen dabei, dass die Bahn bereits im Vorfeld die Planungen für die verlangten Tunnel als nicht machbar verworfen hat. Das betrifft auch das Gebiet nördlich von Rosenheim, in der Berichterstattung hartnäckig verschwiegen. Kein Tunnel, dort wird oberirdisch geplant. Die Bürger Pfaffenhofens und der Nachbargemeinden wundern sich, dass ihre Nöte offensichtlich nicht wahrgenommen werden. Die Vorstellung, dass das monströse Bauwerk 25 Meter hoch quer durch das ganze Tal von Mintsberg kommend unmittelbar an Pfaffenhofen vorbei bis über den Inn reichen wird, ist beängstigend. Als Brückenbauwerk wäre das schon erschreckend genug.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass ein 25 Meter hoher Wall mit dem Abraum aus den Tunneln unter Stephanskirchen aufgeschüttet wird. Der soll schließlich „ortsnah“ verbaut werden. Das spart Kosten und verhindert unliebsame Überraschungen beim Bau einer Brücke auf dem unsicheren Untergrund.

Übrigens: Die OVB-Heimatzeitungen berichteten im August unter dem Titel „Fahrerlose Lkw oder Schiene?“ über eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrttechnik DLR, die die Verlagerung von zwei Drittel des Güterverkehrs auf die Schiene prognostiziert. Untersucht wurden die Auswirkungen automatisierten Fahrens auf den Güterverkehr. Zuständig: das Verkehrsministerium. Hat Herr Scheuer die Ergebnisse nicht gelesen – oder einfach nur zu kurz gedacht? Die Region Rosenheim wird in Zukunft mit dieser unnützen Bahntrasse identifiziert werden. Schilda war gestern, Rosenheim ist Zukunft.

Lothar Thaler

Schechen

Der Ergebnisbericht zum Raumordnungsverfahren für den Brenner-Nordzulauf ist auf den Webseiten der Regierung von Oberbayern jedermann zugänglich. Es ist die Mühe wert, die 182 Seiten durchzusehen. Das ist eher eine Aufforderung, alles noch einmal zu überdenken, als eine uneingeschränkte Zustimmung! Bei den vier verbliebenen Trassenvarianten heißt es, sie entsprechen nur bei Berücksichtigung der rund 60 (!) im Einzelnen konkret dargestellten umfangreichen Maßgaben den Erfordernissen der Raumordnung. Auf Seite 173 wird ganz klar verlangt: „Als Grundlage für den weiteren Detailplanungsprozess ist eine aktualisierte Verkehrsprognose vorzulegen, die auf einen geeigneten Planungshorizont ausgerichtet ist.“

Für die Stadt Rosenheim besonders wichtig auf Seite 155: „Die positive Wirkung setzt voraus, dass die dauerhafte Einbindung des Oberzentrums Rosenheim in das Fernverkehrsnetz gewährleistet ist.“ Alle vier verbliebenen Trassen führen den Fernverkehr aber um die Stadt herum. Es gibt keinen Halt in Rosenheim!

Und da ein Mischverkehr zwischen schnellen Personenzügen und langsamen Güterzügen in langen Tunneln kaum möglich ist, werden die Güterzüge weiter durch Rosenheim rollen, der Personenfernverkehr aber außen herum. Im Übrigen sei nochmal daran erinnert: der Brennerbasistunnel hat zwei Gleise, nicht vier!

Prof. Dr. Roland Feindor

Rosenheim

Den Kommentar von Norbert Kotter habe ich mit großer Verwunderung gelesen. Was versteht der Autor denn unter belastbaren Zahlen? Das hört sich für mich an, als würde die Bürgerinitiative sprechen.

Es geht hier nicht um die kommenden paar Jahre, sondern um 20 Jahre. 2040 ist der aktuelle Zeitplan für die Fertigstellung des Nordzulaufs. Ob dieser dann wirklich eingehalten wird, steht noch in den Sternen. Hätte man vor 20 Jahren belastbare Zahlen für unser Verkehrschaos im Inntal erzeugen können? Sicher nicht!

Die Mitglieder der Bürgerinitiative interessiert doch ausschließlich, wie sie es erreichen können, nicht von einer möglichen Trasse betroffen zu sein. An einer globalen Lösung sind sie nicht interessiert. Es sollen diejenigen, welche bisher schon belastet sind, nur noch weiter belastet werden.

Das konkrete Ziel kann doch nur sein, den Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlegen. Dort, wo es schnelle Zugverbindungen gibt, hat man signifikante Verlagerungen erreichen können. Ein Ausbau des bestehenden Schienennetzes kann nur helfen die gegenwärtige Situation zu verbessern, bis der Nordzulauf fertiggestellt ist, aber auf keinem Fall ein Ersatz für den Neubau sein. Wer so etwas behauptet, kann nicht ernst genommen werden, weil es total unrealistisch ist.

Der Transport auf der Schiene muss bezahlbar, zuverlässig und schnell sein. Wenn dies nicht der Fall ist, wird es keine Verlagerung geben. Derzeit behindern sich die Personenzüge und die Güterzüge gegenseitig im Inntal. So ist an eine sinnvolle Verdichtung des Nahverkehrs auf 30 Minuten überhaupt nicht zu denken.

Der Bau muss so erfolgen, dass Bevölkerung und Umwelt so weit wie möglich geschont werden. Aber so wie ich es verstanden habe, hat die Bundesbahn schon mal verlauten lassen, dass im Inntal auch ein kompletter unterirdischer Ausbau denkbar wäre. Das sollte das Ziel sein.

Hans-Georg Althoff

Oberaudorf

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