Biblische Geschichten ein Fortsetzungsroman

Zum Leserbrief von Gudrun Baumann-Sturm („Weihnachten: Zu ungenaue Zeitangaben“):

Frau Baumann-Sturm schreibt in ihrem Leserbrief: „Lukas (...) als Einziger die Weihnachtsgeschichte (...). Matthäus hält sich dazu eher kurz.“ Das stimmt so nicht und muss richtig gestellt werden. In Wahrheit erzählen beide Evangelisten eine Weihnachtsgeschichte, aber jeweils eine andere, wobei diejenige von Matthäus sogar umfangreicher ist. Ihre Geschichten widersprechen sich also inhaltlich. Trotzdem sind beide jeweils für sich in der Bibel abgedruckt und beanspruchen unabhängig voneinander Gültigkeit. Welche die wahre Geschichte ist oder ob beide gleichermaßen wahr sind, bleibt offen.

Bei Matthäus wohnen Joseph und Maria von vornherein in Bethlehem, genauer gesagt in einem (ihrem?) „Haus“. Ein Stall wird nicht erwähnt. Bei Lukas wohnen Maria und Joseph von Anfang an in Nazareth, ihrem Heimatort. Diesmal wird Maria von einem Engel auf das Kommende vorbereitet. Danach wandern beide wegen einer Volkszählung nach Bethlehem, wo Jesus in einem Viehstall geboren wird. Die beiden unterschiedlichen Weihnachtsgeschichten deuten darauf hin, dass es sich bei ihnen um erfundene religiöse Legenden verschiedener Autoren handelt, nicht um tatsächlich passierte historische Ereignisse.

Das gilt für die Evangelien überhaupt. Dass die frühesten christlichen Schriftzeugen, nämlich der Apostel Paulus und der Evangelist Markus, von einer Weihnachtsgeschichte noch nichts wissen, ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass diese erst später erfunden und in die Lebensbeschreibung Jesu entsprechend eingefügt wurde. Die biblischen Schriften ähneln insofern einem Fortsetzungsroman. Aber davon abgesehen, ist und bleibt die Bibel natürlich „Gottes Wort“! Daran darf nicht gerüttelt werden.

Ulrich Kretschmar

Prien

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