Der 8. Mai ist auch ein Tag des Gedenkens an Flucht und Vertreibung

Zum Bericht „Mit der Zeit verblasst die Erinnerung“ (Bayernteil):

Zum Kriegsende gab es zahlreiche Beiträge in Medien und Politik zur Erinnerung an Nazi-Diktatur, Befreiung der KZs oder Kriegshandlungen in unserer Heimat. Betont wird die Bedeutung der Befreiung vom NS-Regime; die Kehrseite der Medaille wird zunehmend unterschlagen. Für viele Deutsche bedeutete der 8. Mai auch den Beginn einer leidvollen Zukunft und ist daher sicherlich kein Tag zum Feiern, sondern eher zum Gedenken auch an Flucht und Vertreibung aus der Heimat voller willkürlicher Gewaltakte, Recht- und Schutzlosigkeit. Neben dem persönlichen Leid, dem Verlust an Heimat, Besitz, Kultur und Identität werden heute durch die Verweigerung einer objektiven Erinnerungskultur die Opfer doppelt gedemütigt. Meine Tante war 17 Jahre alt, als sie am Hof meiner Großeltern in Oberschlesien im März 1945 von Rotarmisten erschossen wurde, weil sie der Vergewaltigung entkommen wollte. Neben ihr lagen mein Großvater und drei weitere Verwandte. Eine Tante und die Großmutter überlebten schwer verletzt. Danach folgte eine grausame Odyssee bis zur endgültigen Vertreibung 1946.

Diese Apokalypse betraf unzählige Menschen in den deutschen Ostgebieten. Aus der öffentlichen Wahrnehmung wird dieser Teil unserer Geschichte jedoch weitgehend verdrängt. Natürlich müssen Ursache und Wirkung im Bewusstsein bleiben, viele sehen in der Erinnerungsarbeit an dieses Kapitel jedoch, wie Josef Schuster, Zentralrat der Juden, es ausdrückte, eine Relativierung der NS-Verbrechen. „Damit sollen die Deutschen vor allem als Opfer dargestellt werden. Ich empfinde das als geschichtsverzerrende Relativierung und verantwortungslos.“

Meiner Meinung nach ist fehlende Ehrlichkeit, Verharmlosung und Verschweigen ebenso falsch. Eine Ideologisierung dieses sensiblen Themas sollte keiner Seite zugestanden sein, und Ausgewogenheit muss verbindlich werden.

Wolfgang Matschke

Rott

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