Die andere Seite

Zu „Opfer ohne Rangfolge“. (Leserbrief):.

Es gibt keinen Ausdruck, der die in dem Leserbrief genannten Vorkommnisse und Zahlen beschreiben könnte. Dass Menschen als Verursacher dahinter stehen, zeigt seinen Wert als „Krone der Schöpfung“. Doch es gab auch die andere Seite der Menschlichkeit, die sich leider nicht Bahn brechen konnte. Weil der Bauer und Besitzer des Hofes als Soldat eingezogen war, kam als Ersatz ein russischer Kriegsgefangener, ebenfalls Landwirt, in die Familie. Er fiel zunächst dadurch auf, dass er die Zugpferde und -kühe ihren natürlichen, gemächlichen Gang gehen ließ, die Peitsche verschmähte. Den Spott der einheimischen Bauern nahm er gar nicht wahr, weil er den Grund dafür nicht verstand. In der Familie saß er mit am Esstisch, die ihm von offizieller Seite zugeschickten Pakete mit „Sagemehl“-Keksen blieben unberührt im Nachtkästchen neben seinem Bett auf dem Speicher. Er strahlte übers ganze Gesicht und sang ein russisches Wiegenliedchen, wenn er die halbjährige jüngste Tochter zwei, drei Minuten lang wiegen durfte. Als er zurückbeordert wurde, versprach er, Aprikosen aus seiner Heimat zu schicken. Leider verscholl er. Dem damaligen Vernehmen nach wurden solche Gefangene nach ihrer Rückkehr erschossen, weil sie, im Gegensatz zur russischen Propaganda, ein ganz anderes Deutschland erlebt hatten und man annahm, sie würden davon erzählen. Ein nächststehender Verwandter der Familie fiel auf der Krim. Der „Krieg als Vater aller Dinge“? Absurd, aber eben menschlich.

Alfred Beck

Bruckmühl

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