Zurück aus dem Keller

Kandidat Biden und die Unruhen. MARC BEYER.

Noch vor Kurzem war Joe Biden der Kandidat aus dem Keller. Die Corona-Einschränkungen nahmen dem Demokraten jede Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu profilieren. Ein paar Internetauftritte in seinem Haus in Delaware, das war’s. Das Untergeschoss war eine Metapher auf seine Rolle im Wahlkampf.

Keine zwei Wochen ist das jetzt her, doch es wirkt wie eine Ewigkeit. Heute ist Biden allgegenwärtig, aus tragischem Anlass. Der Tod von George Floyd, die folgenden Unruhen und Debatten über Rassismus und Polizeigewalt haben dem Bewerber ein Forum gegeben und ein Thema, das alle berührt. Biden hat in der jüngeren Vergangenheit nicht immer gute Auftritte hingelegt, doch im Moment macht er alles richtig. Er trauert und tröstet, findet passende Worte und strahlt Empathie aus. Wer meint, das sollte auf höchster Ebene selbstverständlich sein, braucht nur einen Blick aufs Weiße Haus zu werfen, wo sogar Selbstverständlichkeiten zu viel verlangt sind.

Noch ist es zu früh, Rückschlüsse zu ziehen auf das Wahlergebnis. Donald Trump hat schon andere Unruhen überstanden. Und doch könnte Floyds Tod nicht nur in der US-Gesellschaft Umwälzungen auslösen, sondern auch in der Politik. Es gibt diese Momente – meist tiefe Krisen –, die alles ändern. Biden mag noch immer ein Mann mit wackeliger Außendarstellung sein. Aber wenn es wirklich ernst wird, weiß wenigstens er, was zu tun ist.

Marc.Beyer@ovb.net

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