Zerstörerische Energie

Unruhen in den USA. MARCUS MÄCKLER.

Kein Wort des Mitgefühls, der Trauer, der Scham – stattdessen grobes Getöse und Drohungen gegen die eigenen Bürger. Nie zuvor hat Donald Trump seine Nicht-Eignung für das Amt des US-Präsidenten so schamlos offengelegt wie in den Tagen nach dem gewaltsamen Tod George Floyds. Dass er ein Spalter ist, wusste man schon vorher. Aber dass er so bereitwillig mit dem inneren Frieden im eigenen Land spielt, ist ein neuer Tiefpunkt.

Man sollte vorsichtig sein mit allzu steilen Thesen und auch die Widerstandskraft der Institutionen nicht unterschätzen. Aber dass Trumps Verhalten gerade dieser Tage autoritäre Züge hat, fällt nicht nur US-Kommentatoren auf. Demonstranten mit dem Militär zu drohen und sich den Weg zu einem Fototermin mit Tränengas freischießen zu lassen, mag in Peking oder Moskau Gang und Gäbe sein – für eine stolze Demokratie wie in den USA ist es beschämend. Und je mehr der Präsident die Kontrolle über die Probleme des Landes verliert (Corona, Arbeitslosigkeit, die jetzigen Proteste), desto bissiger und unnachgiebiger wird er. Die verbleibenden Monate bis zur Wahl im November werden hart.

Möglich, dass seine Hartherzigkeit – nach dem katastrophalen Corona-Management – der entscheidende Fehler im Wahljahr ist. Sein Herausforderer Joe Biden liegt in Umfragen vorne, aber Analysten in Washington fragen sich ernsthaft, ob Trump eine Niederlage überhaupt akzeptieren oder zum Wahlbetrug umdeuten würde. Die zerstörerische Energie, die auch in seinem Handeln liegt, ist kaum noch zu kontrollieren.

Marcus.Maeckler@ovb.net

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