Zensuren aus München

Söder nervt die anderen Landesfürsten. GEORG ANASTASIADIS.

Nachdem die Landesfürsten der Kanzlerin mehr oder weniger charmant zu verstehen gegeben haben, dass sie ihre Hilfe in der Corona-Politik nicht mehr haben wollen, hält es Angela Merkel mit dem letzten Sachsenkönig Friedrich August. Der quittierte die Ausrufung der Republik einst mit den Worten „na dann macht doch euren Dreck alleene“. Immerhin: Ein neuer (Umfrage-)König schickt sich bereits an, Merkels Zepter zu übernehmen. 90 Prozent Zustimmung in Bayern zeigen, dass die meisten Bürger mit Markus Söders strenger Hand bei der Virusbekämpfung noch immer einverstanden sind. Manche im Detail willkürlich oder pedantisch wirkende Order ihres Regenten – etwa die Erweiterung der Biergartenöffnungszeit bis 22 Uhr erst nach und nicht an Pfingsten – nehmen die Bayern hin.

Ob ihm seine Popularität auch den Weg zur Kanzlerkandidatur ebnet, ist gleichwohl fraglich: Die schulmeisterliche Art, die Söder derzeit im Umgang mit anderen Ministerpräsidenten (auch der CDU) pflegt, und sein Ruf nach bundeseinheitlichen Vorgaben (aus der bayerischen Staatskanzlei?) dürften ihn bei CDU-Kollegen viele Sympathien kosten. Und auf deren Wort wird es ankommen, wenn spätestens Anfang 2021 die Macht in der Union neu verteilt wird. Lektionen aus München hat man noch nie gerne gehört, und das gilt erst recht in der bunten Corona-Republik, in der sich manche Länder gerade locker machen. Einige Landeschefs können dabei auf gute Argumente verweisen, vor allem die verschwindend geringen Infektionszahlen in ihrem Zuständigkeitsbereich. Ein Markus Söder, der allabendlich zur besten Sendezeit im TV Zensuren an seine Kollegen verteilt, ist nicht das, worauf man in den Staatskanzleien der Republik gewartet hat.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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