Weltkriegs-Gedenken am 8.

Weltkriegs-Gedenken am 8. Mai.

Nichts ist selbstverständlich

ALEXANDER WEBER

Auch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist der 8. Mai ein schwieriger Gedenktag. Jene Deutsche, die ihn selbst erlebt haben, werden ihn nie vergessen. Es war der Tag der moralischen, politischen und militärischen Niederlage – und gleichzeitig der Tag der Befreiung vom verbrecherischen Nationalsozialismus. Das Ende von Töten und Sterben auf den Schlachtfeldern. Das Ende des jahrelangen Leids der Zivilbevölkerungen in Bombennächten und Feuersbrünsten der Innenstädte in ganz Europa. Das Ende des jahrhundertelangen Gegeneinanders. Der 8. Mai war aber keine Stunde Null. Hunger, Not und Leid verschwanden nicht über Nacht. Und für die Menschen im Osten war auch die Befreiung nur graduell: Vertriebene verloren ihre Heimat und im Herrschaftsgebiet der Sowjets begann eine 40 Jahre währende neue Phase der Unfreiheit und Unterdrückung.

Und doch war der 8. Mai eine historische Wegmarke, derer sich die heutige Generation in Europa bewusst sein sollte. Nicht, um alte Schuldzuweisungen aufzufrischen. Sondern um zu verhindern, dass die großen Erfolge, die die Väter und Mütter Nachkriegseuropas errungen haben, zu selbstverständlich genommen werden: Frieden und Freiheit über sieben Jahrzehnte.

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat gerade gezeigt, wie schnell nationale Reflexe in unserer ach so aufgeklärten liberalen Zeit wiederbelebt werden. Das Erste, was vielen Politikern im Kampf gegen die Epidemie einfiel, war, die Schlagbäume in Europa wieder herunterzulassen und so das Herz des „European way of life“ zu verletzen. Statt Hotspots des Virus zu erkennen und gemeinsam regional zu bekämpfen, dachte jeder zuerst an sich. Als ob Corona ein italienisches, französisches oder deutsches Virus wäre. Nur schwer findet man zur Gemeinsamkeit zurück.

Auch das scheinbar unerschütterliche rechtsstaatliche Fundament Europas zeigt Risse. Polen und Ungarn machen derzeit überdeutlich, dass der Rückmarsch in die nationale Illiberalität vergangener Zeiten keine Schimäre ist. Und dass der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama irrte, als er nach dem Fall der Mauer das Ende der Geschichte verkündete. Freiheit und Frieden müssen immer aufs Neue verteidigt werden. Geschichte ist nie zu Ende. Deshalb ist es wichtig, sich an den 8. Mai 1945 und die dunkle Zeit davor zu erinnern. Damit sich diese Geschichte nicht wiederholt.

Alexander.Weber@ovb.net

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