Weder Humanität noch Ordnung

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Kompromiss zu Moria. CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER.

Moria ist ein Ort, an dem der Rechtsstaat versagt. Schlimmer noch: wo es kein Recht gibt und kaum den Versuch, Gerechtigkeit herzustellen. Über Jahre gedehnte Asylverfahren, wenn es überhaupt welche gibt, halten die Menschen eingepfercht im Lager – statt zu differenzieren zwischen Flüchtlingen, die unsere sofortige Hilfe brauchen und eine Weiterreise aufs Festland, und Wirtschaftsmigranten, die schnell und hart aus Europa abgeschoben werden müssen. Die Brandkatastrophe, die die letzten Elendsbehausungen zerstörte, verschärft das Unrecht. Nach aktuellem Stand waren es junge Migranten, die das Feuer gezielt legten. So falsch es ist, die Täter als „Verzweifelte“ zu verharmlosen, so zynisch ist es, so zu tun, als säßen 12 000 Brandstifter in Moria fest.

Vor diesem Gebräu von Unrecht und Wut steht die Politik und soll eine extreme Abwägung treffen. Menschen aus Griechenland holen, und dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit auch den Falschen helfen – oder lieber mauern und dabei mit Sicherheit dringend Hilfsbedürftige im Stich lassen? Dieser unauflösbare Zwiespalt treibt Berlin, zumal sich auf christliche Wurzeln berufende Parteien, in eine Art Formelkompromiss, 1500 Menschen aufzunehmen, bevorzugt Familien.

Keine Frage, diese Zahl wird Deutschland kurzfristig nicht überfordern. Aber auch das birgt die riesige Gefahr von Pull-Effekten und Nachahmern. Lesbos wird sich sofort wieder füllen, und Moria wird sich vielerorts wiederholen, vielleicht dann mit Toten – solange Europa, beginnend beim in Trägheit aufgeblähten Apparat Brüssel, von Ordnung und Humanität faselt, an seinen Außengrenzen aber nichts von beidem realisiert. Der Berliner Vorschlag ist nur mit schweren Bauchschmerzen zu akzeptieren.

Christian.Deutschlaender@ovb.net

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