Sea Watch: Deutschland greift Italien an Unfaire Arbeitsteilung

Sea Watch: Deutschland greift Italien an. Unfaire Arbeitsteilung .

VON GEORG ANASTASIADIS

Von Italien, sagt Bundespräsident Steinmeier, dürfe man erwarten, dass man es mit einem Fall wie dem der „Sea Watch“ und seiner deutschen Kapitänin Carola Rackete anders umgehe. In Deutschland gibt es für solche Appelle viel Beifall. Doch wie genau soll Italien denn umgehen mit dem grundsätzlichen Problem? Eine Antwort wäre schön. Schließlich wird es von den Europäern seit Jahren mutterseelenallein gelassen mit seiner unhaltbaren Situation.

Nur zur Erinnerung: 2016 kam 181 000 Migranten allein über die zentrale Mittelmeerroute in Italien an, 4578 Menschen ertranken bei der Überfahrt. Dann schloss das Land, zum Leidwesen der Schlepper, seine Häfen. Im Jahr 2018 verzeichnete das UNO-Flüchtlingswerk daraufhin „nur“ noch 1311 Tote. Auch wenn viele von uns vor der Realität ganz fest die Augen verschließen, bleibt es leider die Realität: Je mehr Menschen, ermutigt durch offene Grenzen und eine florierende Schlepperindustrie, sich auf den Weg nach Europa machen, desto mehr lassen ihr Leben auf dem Mittelmeer. Ohne es zu wollen, sind auch die Seenotretter Teil des zynischen Kalküls der Menschenhändler geworden: Diese setzen die Migranten in seeuntüchtigen Booten unweit der libyschen Küste ab, damit sie von (meist deutschen) Rettungsschiffen aufgenommen werden.

Um diese perverse Logik des Flüchtens, Rettens und Sterbens zu durchbrechen, hat Italien seine Häfen geschlossen. Den Schwall der Empörung, der sich von Deutschland aus nun über das Land ergießt, nehmen die meisten Italiener als ziemlich selbstgerecht wahr. Sollen für Europas Grenzschutz die Italiener zuständig sein, für die Moral aber, aus sicherer Entfernung, mal wieder die Deutschen? Das wäre eine ziemlich unfaire Arbeitsteilung, eine, von der auch die Ungarn mit ihrem Zaun ein Lied singen können. Italien ist ein Rechtsstaat, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Abweisung der Sea Watch ausdrücklich gebilligt. Es geht nicht, dass eine deutsche Kapitänin das Recht daraufhin kurzerhand in die eigenen Hände nimmt und dabei auch noch die Besatzung eines italienischen Patrouillenbootes gefährdet.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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