Vor der Wahl in Großbritannien Rennen der Populisten

Vor der Wahl in Großbritannien. Rennen der Populisten .

MIKE SCHIER

Nach dreieinhalb Jahren voller Brexit-Wirrungen ist kurz vor der morgigen Wahl wohl der Moment gekommen, den Briten aufrichtiges Mitleid auszusprechen. Sie haben die Wahl zwischen einem ebenso raffinierten wie ungehobelten Macho, der das Land ohne Rücksicht auf Verluste aus der EU führen will (die Rechnung dürfen spätere Generationen zahlen), und einem Altlinken mit ziemlich radikalem Programm, der sich zur Schicksalsfrage der Nation überhaupt nicht äußert. Es ist das Rennen zweier Populisten, denen es primär um persönliche Macht und Beifall aus den eigenen Reihen geht. Kein Wunder, dass sich viele ratlos von der Politik abwenden.

Das Land, nein das ganze Königreich, steckt damit in einer Zwickmühle. Das Mehrheitswahlrecht, das die beiden großen Parteien gegenüber kleineren Konkurrenten bevorzugt, sollte das politische System eigentlich stabilisieren. Doch wenn die Tories nach rechts und Labour nach links rücken, haben moderate Kräfte kaum Chancen, zwischen diesen beiden Polen Fuß zu fassen. Damit wird der morgige Urnengang zur Schicksalswahl weit über die Brexit-Frage hinaus: Wirtschaft und Investoren, die lange gegen den EU-Ausstieg kämpften, fürchten sich jetzt vor Verstaatlichung und höheren Steuern.

Egal, wer gewinnt: Großbritannien steht vor schwierigen Zeiten. Wirtschaftlich, weil das internationale Finanzzentrum London an Anziehungskraft verlieren wird. Und politisch, weil die Fliehkräfte in Schottland oder Nordirland ständig wachsen. Die Hoffnung, eine Neuwahl könnte das aufgewühlte Königreich beruhigen, ist schon dahin, ehe das erste Wahllokal geöffnet hat.

Mike.Schier@ovb.net

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