Das Virus und unser Alltag Was „Leben und leben lassen“ heißt

Das Virus und unser Alltag. Was „Leben und leben lassen“ heißt .

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Österreichs Kanzler hat einen verwirrenden, aber klugen Satz gesagt: Haltet mehr Abstand voneinander, bat er sein Volk, „nicht, weil wir unsere Mitmenschen nicht gern haben – sondern gerade weil wir sie gern haben.“ Das umreißt das Drama der Corona-Pandemie in Europa: Anderen unvorsichtig zu nahe zu kommen, ist lebensgefährlich, weil es unkontrollierbare Infektionsketten auslöst. An deren Ende stehen bisher nicht die Starken, sondern Alte und Erkrankte, denen das Virus den Tod bringt: Menschen, die sich dann im Sterben nicht mehr von Kindern und Enkeln verabschieden dürfen, weil das Virus zu gefährlich ist für einen letzten tröstenden Händedruck.

In unserer liberalen, offenen Gesellschaft von Individualisten galt bisher als ein Maßstab: Wenn jeder auf sich selbst achtet, wird hinreichend auf alle geachtet sein. Das trägt bei einer extrem gefährlichen Pandemie nicht mehr. Wer sein Freizeit- und Hygiene-Verhalten nur an der eigenen Stärke ausrichtet, bringt andere in Lebensgefahr. Ja, man muss sich wundern, wenn sich Supermarktkunden um Großladungen Klopapier schubsen, andere aber – noch am letzten Wochenende! – dicht an dicht im Lokal feiern. Das eine war übertrieben, das andere verantwortungslos, beides ungehemmt egoistisch.

Mehr Verantwortungsbewusstsein kann die Folgen dieser Krise dämpfen. Wo es daran fehlt, wird der Staat mit immer drastischeren Schritten das öffentliche Leben einschränken. Wir werden freiwillig oder erzwungen neu lernen, was „Leben und leben lassen“ bedeutet.

Christian.Deutschlaender@ovb.net

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