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Nach der US-Wahl: Amerika – viel besser als sein Ruf

GEORG ANASTASIADIS
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Kein Volk auf der Welt – abgesehen von der Hälfte der Amerikaner selbst – wünschte so sehnlich einen Sieg des Demokraten Biden herbei wie die Deutschen.

Kein Wunder: Nach vier Jahren Trumpismus ist das transatlantische Verhältnis wie von einer ganzen Horde Elefanten niedergetrampelt. Aber warum waren gerade die Deutschen so stinksauer auf Trump? Weil er immerzu „Deals“ machen wollte, wenn die Deutschen „Moral“ riefen; niemand hat den Weltverbesserungsanspruch Merkel-Deutschlands so lustvoll verhöhnt wie der America-first-Rüpel im Weißen Haus. Entsprechend groß sind nun die Hoffnungen auf einen Neuaufbruch. Aber der Schlüssel dazu liegt nicht nur in den USA. Auch die Deutschen können den möglichen neuen Präsidenten, über den sie sich so freuen, stärken. Einfach, indem sie den amerikanischen Freunden wieder mehr zuhören – und nicht alles gleich reflexhaft als Trump’sche Zumutung zurückweisen.

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Die vielen deutschen Politiker, die mit ihrer Lieblingspose, dem erhobenen Zeigefinger, gerade die ganze Schuld an der deutsch-amerikanischen Eiszeit beim narzisstischen Noch-Präsidenten abladen, wenn sie nicht gerade den angeblichen Untergang der amerikanischen Demokratie bejammern, machen es sich zu leicht. Das Gefühl, von den Deutschen ausgenutzt zu werden, ist in den USA weit über alle Parteigrenzen hinaus verbreitet; der gerissene und skrupellose Trump hat sich dieses Gefühls nur geschickt bedient. Und wahr ist doch: Hinter der Fassade scheinbarer Selbstlosigkeit ist auch Deutschland durchaus ein erfolgreicher „Dealmaker“, geübt darin, seinen Vorteil zu finden: Das deutsche Handelsmodell, das auf hohe Überschüsse angelegt ist, exportiert Arbeitslosigkeit. Beim Errichten unfairer Handelshemmnisse war übrigens auch die EU kein Waisenknabe. Gleichzeitig weigert sich Berlin, seine Zusagen zur Lastenteilung in der Nato einzuhalten. Viele Amerikaner betrachten Deutschland als Trittbrettfahrer, der sich von den USA teuer beschützen lässt, um anschließend mit China und Russland Geschäfte zu machen. Und da ist auch was dran.

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Eine schnelle Verständigung über den Weiterbau der von Washington parteiübergreifend vehement bekämpften Nordseepipeline dürfte schwierig werden. Dennoch kann die Kanzlerin dem Verbündeten entgegenkommen – etwa indem sie mehr Anstrengungen zum Erreichen des (von der SPD abgelehnten) Zwei-Prozent-Ziels bei den Verteidigungsausgaben unternimmt. Auch im globalen Ringen mit China erwarten Biden und Amerika zu Recht, dass Deutschland vor Peking keinen Kotau macht. Ausreden gibt es jetzt nicht mehr.

Generell täte ein bisschen weniger Herablassung gegenüber den Amerikanern und ihrer Demokratie uns Deutschen ganz gut. Auch wenn manche Journalisten gerade einen Kriegsberichterstatterton anschlagen, wenn sie über die USA berichten: Die „Checks and Balances“, also die in der Verfassung eingebauten Sicherheitsschalter, funktionieren und werden auch den Stresstest Trump bestehen. Ja, Amerika ist ein polarisiertes Land. Aber die Demokratie lebt. Umgekehrt könnte Deutschland, das alle politischen Gegensätze seit Jahren sorgsam einebnet und von einer Art Allparteienregierung geführt wird, die den Wechsel ausschließt und politische Verantwortung sozialisiert, ein wenig mehr Leidenschaft ganz gut gebrauchen. Man muss ja nicht gleich die Fenster verbarrikadieren.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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