Urteil von Chemnitz Die Wunden bleiben MIKE SCHIER...

Urteil von Chemnitz Die Wunden bleiben MIKE SCHIER Es war von Anfang an ein Prozess unter schwierigsten Bedingungen: Selten hatte ein Verbrechen eine Stadt und später sogar das ganze Land so aufgewühlt wie der tödlichen Messerangriff auf Daniel H.

Urteil von Chemnitz

Die Wunden bleiben

MIKE SCHIER

Es war von Anfang an ein Prozess unter schwierigsten Bedingungen: Selten hatte ein Verbrechen eine Stadt und später sogar das ganze Land so aufgewühlt wie der tödlichen Messerangriff auf Daniel H.in Chemnitz. Schon zum Auftakt des Verfahrens erklärte Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) öffentlich, sie hoffe auf eine Verurteilung. Höchst ungewöhnlich, weil sich Politiker normalerweise nicht in die Arbeit der Justiz einmischen sollten. Jetzt dürfte Jung zufrieden sein: Der Verdächtige, der vor Gericht schwieg, dann aber im letzten Moment via TV-Interview seine Unschuld beteuerte („Ich habe ihn nicht angefasst“), bekommt eine lange Haftstrafe.

Ob Chemnitz damit befriedet wird, muss leider bezweifelt werden. Zu tief sind die Wunden in der Stadt – nicht nur wegen der Tat selbst, sondern wegen der Szenen in den Tagen danach. Die einen Chemnitzer versuchen seitdem verzweifelt, den Ruf als „Stadt der Rechtsextremen“ zu widerlegen. Anderen geht das Moralisieren von Links gegen den Strich: Bei der Kommunalwahl im Mai bekam die AfD 18 Prozent, bei der Landtagswahl dürfte es ähnlich werden. Kürzlich feuerte der örtliche Fußball-Drittligist sogar seinen Kapitän, weil er offen mit einer rechtsradikalen Gruppierung sympathisierte. Diese hitzige Gemengelage kann kein Urteil der Welt beenden.

Mike.Schier@ovb.net

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