Den Urlaub verschlafen

Späte Debatte über Corona-Pflichttests. GEORG ANASTASIADIS.

In NRW gehen die Sommerferien zu Ende, im Stundentakt landen auf den Flughäfen des einwohnerstärksten Bundeslandes die Urlaubs-Bomber, und siehe da: Viele Heimkehrer bringen das Coronavirus als Souvenir mit nach Deutschland, stellt zu ihrer großen Überraschung die Landesregierung fest. Besonders groß sei die Gefahr bei Rückkehrern vom Balkan und der Türkei, warnen Regierungsexperten. Aber im Ernst: Überrascht kann darüber nur sein, wer mal wieder seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Gerade die Türkei zählt zu den Corona-Hochrisikogebieten, nicht umsonst hält die Bundesregierung ihre Reisewarnung aufrecht, trotz wütender Proteste aus Ankara; zu Recht traut man in Berlin den türkischen Angaben zur Zahl der Infektionen nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass – wegen der großen türkischstämmigen Gemeinde in NRW – die Gruppe der Türkei-Urlauber auch zahlenmäßig stark ins Gewicht fällt. Nun kann man den hier lebenden (Deutsch-)Türken kaum verbieten, den Urlaub zuhause bei der Familie zu verbringen. Allerdings, und das bleibt ein schweres Versäumnis der Verantwortlichen in Land und Bund, hätte man viel früher Vorkehrungen für Rückkehrer treffen müssen. In aller Hast schafft Gesundheitsminister Jens Spahn nun die rechtlichen Voraussetzungen für Pflichttests für Heimreisende aus Risikogebieten.

Warum erst jetzt? Hat da wer die Urlaubszeit verschlafen? Oder schon wieder vergessen, dass das Virus einst auch aus China mit dem Flieger in die ganze Welt ausschwärmte? Auch Bayern, so scheint es, wurde von der Urlaubszeit kalt erwischt. Trotzdem könnte der Freistaat mit einem blauen Auge davonkommen, weil die Ferien hier vier Wochen später begonnen haben als in NRW, also noch etwas Zeit zur Vorbereitung auf die große Rückreise-Welle bleibt. Was so ein Zeitvorsprung in CoronaZeiten wert ist, zeigt das Beispiel der armen Italiener.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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