Ein tief zerrissenes Land

Duda bleibt Polens Präsident. ALEXANDER WEBER.

Abgesehen von den historischen Teilungen war Polen noch nie so zerrissen wie nach der Präsidentschaftswahl 2020. Doch diesmal waren es nicht europäische Großmächte, die von außen scharfe Grenzlinien zwischen Ostsee und Hoher Tatra zogen – diesmal waren es die eigenen Wähler, die Polen zerteilten: in Ost gegen West, Großstadt gegen Land, Jung gegen Alt und, besonders paradox, 90 Prozent bekennende Proeuropäer, aber gleichzeitig 51 Prozent nationalistisch Wählende. Da kommt nicht nur Adam Riese ins Grübeln.

Aktuell kann sich vor allem Jaroslaw Kaczynski bestätigt fühlen, der starke Mann der Regierungspartei PiS. Er hat es geschafft, das konservativ-rechte Lager zu mobilisieren. Mit einem Wahlkampf gegen Minderheiten, gegen Medien als angebliche Agenten ausländischer (vor allem deutscher) Mächte, mit seinem Einstehen für Kirche und Familie. Die PiS hat all jene hinter sich gebracht, die in der weltoffenen, liberalen, pro-rechtsstaatlichen Haltung des Oppositionskandidaten Rafal Trzaskowski eine Bedrohung traditioneller polnischer Werte sahen. Jetzt kann Präsident Andrzej Duda, der Erfüllungsgehilfe Kaczynskis auf dem Weg in den autokratischen Staat, weitermachen.

Dennoch kann auch die Opposition hoffen. Mit einem starken Kandidaten wie Trzaskowski und mehr Rücksichtnahme auf die Gefühle der ländlichen Bevölkerung könnte die Machtstellung der PiS bei der nächsten Parlamentswahl ins Wanken geraten.

Alexander.Weber@ovb.net

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