Söder muss sich entscheiden

Kanzlerkandidatur. GEORG ANASTASIADIS.

Ins Kanzleramt wird man nicht gerufen. Es ist eines der mächtigsten Ämter der Welt, eines, das man sich erobern muss: mit Kompetenz, aber auch mit Härte, List und notfalls Tücke. Nicht, dass all das Markus Söder von Natur aus fremd wäre; Horst Seehofer kann ein Lied davon singen. Trotzdem träumte der CSU-Chef den süßen Traum, die große Schwester CDU werde ihm, dem Virus-Bezwinger und strahlenden Umfragekönig, die Kanzlerkandidatur auf dem Silbertablett servieren. Mit ihren fast rüden Absagen in Richtung München haben die CDU-Granden diese Hoffnung jetzt zerstört. Merz, Laschet und AKK betrachten die Regierungszentrale als CDU-Erbhof. Zu gut sind die Umfragen, als dass man einen Retter aus Bayern bräuchte.

Besonders raffiniert stellte es diese Woche NRW-Chef Laschet an, der, des bayerischen Versteckspiels müde, boshaft beteuerte, er glaube Söders Wort, nicht an der Kanzlerschaft interessiert zu sein. Der Franke kann es jetzt also machen wie der Fuchs im Märchen und sagen, die hoch hängenden Kanzler-Trauben seien ihm eh zu sauer, weshalb er gar nicht erst nach ihnen schnappen wolle. Oder er verlässt die Deckung und kämpft mit offenem Visier um das Amt, um das sich die Partei-Heroen Strauß und Stoiber einst vergeblich bewarben. Es zu erobern, würde Söder mit einem Schlag in die Liga der CSU-Halbgötter katapultieren.

Doch hat er auch den Mut, es mit den CDU-Funktionären aufzunehmen? Sie mit einem Besuch in der Bundestagsfraktion herauszufordern, um die Gunst der CDU-Landeschefs zu buhlen, die Rivalen im Bündnis mit Spahn und/oder Merkel zu überlisten? Kein Zweifel: Söder hätte das Zeug, das Land stark zu führen und international auf Augenhöhe zu repräsentieren. Aber anders als der Draufgänger Strauß ist er tief im Herzen risikoscheu. Fuchs oder bayerischer Löwe: Söder muss sich jetzt entscheiden.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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