WIE ICH ES SEHE „Von den Toten soll man nur im Guten sprechen.“ Dieses Gebot stammt schon von griechischen Weisen wie Demosthenes und Solon.

WIE ICH ES SEHE „Von den Toten soll man nur im Guten sprechen.“ Dieses Gebot stammt schon von griechischen Weisen wie Demosthenes und Solon.

Über das Lateinische ist es zu uns gekommen: „De mortuis nil nisi bene“.

Wie ist es aber umgekehrt mit dem Urteil über uns Lebende? Wie würden unsere Toten das Leben beurteilen, das wir heute führen? Denn nicht nur an diesem Totensonntag sind wir doch von ihnen umgeben. Die Schalen, aus denen sie gegessen und getrunken haben, sind Haushaltsgegenstände. An den Wänden hängen die Fotos unserer Lieben.

Da sind die Großeltern, nur Kindheitserinnerungen verbinden uns mit ihnen. Aber die Erinnerung an die Eltern ist noch sehr lebendig, wie sie uns vom Foto anschauen. Sie begleiten uns durch unser ganzes Leben als prägende moralische Instanzen. Manchmal, wenn ich glaube, etwas gut oder richtig gemacht zu haben im Sinne des Vaters, denke ich, dass seine leitende Hand immer noch Segen spendet, wie bei dem alten Ribbeck von Ribbeck im Havelland in Fontanes schönem Gedicht.

Die Mutter begegnet mir manchmal im Traum. „Du bist aber lange nicht mehr hier gewesen“, sage ich zu ihr, „schön, dass Du endlich wieder da bist!“ Wenn ich aber erwacht bin, beschäftigt mich die Frage, wie sie mein Leben beurteilen würde, das doch auch nicht frei von Fehlern und Schuld ist. Da hilft am Ende nur das Wissen, dass sie mich geliebt hat und dass diese Liebe wohl auch ihr Urteil aus dem Jenseits milde stimmen wird. So wie in der Oper Faust der sterbende Valentin der unschuldig-schuldig gewordenen Schwester sagt: „Wenn mich ruft Gott zu Himmelshöh’n, will gnädig auf Dich niederseh’n.“

Dann fällt der Blick auf Bilder früh verstorbener Freunde. Der Bergkamerad vieler junger Jahre steht in unveränderter Frische vor mir. Denn unsere Toten altern ja nicht wie wir. Ewig jung bleiben sie in unserer Erinnerung.

Liebevolles Angedenken ist alles, was wir unseren Toten jetzt geben können. Aber sind wir ihnen wirklich immer gerecht geworden, als sie noch mit uns lebten? Hätten wir uns nicht noch mehr um die Mutter im Alter kümmern sollen? Hätte man den guten Freund oder beruflichen Weggefährten nicht häufiger besuchen müssen, um ihn aufzuheitern auf seinem Krankenlager? Und die lange verstorbene Lieblingstante, die mich im Foto so freundlich anlächelt, musste ich sie nicht häufiger begleiten, wenn sie oft alleine unterwegs war?

Der Totensonntag an diesem Wochenende ist die Gelegenheit, eine gute Lehre aus der Begegnung mit unseren Toten für unser eigenes Leben zu ziehen. Gräber mag man besuchen, aber besser ist es, den Lebenden Liebe zu schenken. Ein altes Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Was räucherst Du nun Deinen Toten? Hättst Du’s ihm so im Leben geboten!“

VON DIRK IPPEN

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