WIE ICH ES SEHE In München beginnt an diesem Wochenende wieder das Oktoberfest.

WIE ICH ES SEHE. In München beginnt an diesem Wochenende wieder das Oktoberfest.

In einem langen Gedicht, in dem Eugen Roth die Freuden der Wiesn besungen hat, heißt es gleich zu Anfang: „Vom Ernst des Lebens halb verschont – ist der schon, der in München wohnt.“ Da ist durchaus etwas dran, aber Oktoberfeste kann man heute überall in Deutschland, ja in der ganzen Welt feiern.

Bis heute aber stellt gleichwohl das Münchener Original alle anderen Oktoberfeste in den Schatten.

Wer in München lebt, hat niemals so viel Freunde überall, wie in diesen Wochen. Plötzlich wollen auch die entferntesten Vettern ihn besuchen. Münchener Firmen und Geschäftsleute dagegen planen schon lange im Voraus die Einladung wichtiger Geschäftspartner. Unschätzbar ist der Auftrieb, den die heimische Wirtschaft dadurch bekommt. Denn zu keiner Zeit gelingt es besser als in der positiven Grundstimmung, die das Fest ausstrahlt, wichtige Verhandlungen zum Ziel zu führen und Kontakte zu vertiefen.

Die großen Zauberer, die im Hintergrund mit sicherer Hand den ganzen Rummel steuern, sind die 14 Wiesn-Wirte, allesamt gestandene bayerische Persönlichkeiten. Ihre Namen kennt hier jedes Kind. Die beliebte Münchener Boulevardzeitung tz hat diese Ikonen einmal ganz privat vorgestellt. Einer von ihnen ließ sich bei dieser Gelegenheit sogar beim heimischen Staubsaugen abbilden: „Toni bleibt auf dem Teppich“, titelte humorvoll das beliebte Lokalblatt. Worüber viel gelacht wurde, das passt in Wahrheit für alle. Denn obwohl jedes Zelt noch viel mehr Plätze verkaufen könnte als zur Verfügung stehen, steigen die Preise von Jahr zu Jahr nur mäßig. Das liegt an der trotz ihres Welterfolges traditionell bajuwarischen Grundhaltung der Beteiligten. Hier gelten nicht nur die Gesetze des Marktes, sondern die Erkenntnis, dass auf einem Volksfest die Bäume für niemanden in den Himmel wachsen sollen.

Während in München schon in den Tagen vor diesem Wochenende der normale Berufsverkehr noch mehr zusammenbricht als ohnehin schon üblich, rüsten die Münchener Lokale und Clubs sich schon für die vielen After-Wiesn-Partys. Für die Jugend beginnt nämlich das eigentliche Fest erst dann so richtig, wenn das Oktoberfest um elf Uhr beendet wird. Das richtige Feiern und Flirten breitet sich nachts über die ganze Stadt aus. Das Fest wird dann zu dem, was im Rheinland der Karneval ist.

So trifft das Fest, wo immer es gefeiert wird, ob in München oder anderswo, für Jung und Alt den Kern menschlichen Lebens überhaupt. Heute ist heute und wir müssen nicht daran denken, welches Schicksal die Zukunft uns bereiten mag. Schon der alte römische Dichter Horaz hat doch geraten: „Carpe diem, quam minimum credula postero“ – „Ergreife den Tag, traue dem Morgen kaum“. Aber in Bayern spricht man nicht so gedrechselt. Man steckt den alten Horaz einfach in die Lederhose und bringt ihn auf den Punkt: „Jetzt lebn mia no“…

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Jetzt lebn mia no...

VON DIRK IPPEN

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