WIE ICH ES SEHE Von Einstein stammt der Satz: Es ist leichter, ein Atom zu spalten, als Vorurteile und Klischees zu überwinden.

WIE ICH ES SEHE. Von Einstein stammt der Satz: Es ist leichter, ein Atom zu spalten, als Vorurteile und Klischees zu überwinden.

Unter Nachbarvölkern gilt das seit Jahrtausenden. Franzosen, Deutsche und Polen sind schon lange friedlich vereint. Marianne, Michel und Marek fallen aber gleichwohl verbal immer wieder aus der Rolle:

Michel: Neulich saß ich in einer ganz heruntergekommenen Straßenbahn. Da habe ich mir gleich gedacht, was ist das denn hier für eine polnische Wirtschaft? Aber auf meine polnischen Nachbarn lasse ich nichts kommen. Die sind ganz sauber und bestens.

Marek: Das ist ja mal wieder typisch deutscher Michel! Ein gebildeter und ordentlicher Pole muss Euch wohl in Erstaunen versetzen. Habt Ihr vergessen, dass im Ruhrgebiet jeder Zweite von Polen abstammt? Und Euer Fußball, auf den Ihr so stolz seid, wäre nichts ohne die Spieler mit polnischen Namen.

Michel: Ach Marek! Ihr habt doch auch so Eure Klischees von uns Deutschen: Pickelhaube, Arroganz und Besserwisserei, mit der wir die Welt belehren wollen.

Marianne: Ihr Deutschen geht doch zum Lachen in den Keller und übrigens: Deutsche Männer sind langweilig.

Michel: Na hör mal, Marianne! Das kannst Du doch so nicht sagen. Schon bei Tacitus steht, dass die alten Germanen bei ihren Gelagen am Ende sogar die eigenen Frauen verspielt haben. Euer Asterix ist ja schön erfunden, aber wir haben Beweis dafür, dass wir die Römer schlagen konnten im Teutoburger Wald.

Marek: Auf unsere polnischen Frauen lasse ich nichts kommen. Da können auch die Französinnen nicht mithalten. Euer Napoleon hat seine große Liebe in unserer Gräfin Walewska gefunden. Aber wir diskreten Polen hängen so etwas nicht an die große Glocke.

Michel: Wir lassen uns unsere Frauen jedenfalls nicht wegnehmen, auch nicht, wenn ein Napoleon kommt. Es genügt ja schon, dass unsere Autos nach Polen verschoben werden. In Warschau fahren bald mehr Daimler und BMW als in Berlin.

Marek: Da ist sie wieder, die Lüge, dass die Polen sich Dinge aneignen, die ihnen nicht gehören.

Marianne: Aber Ihr Deutschen seid einfach ungemütlich. Wenn Ihr bei uns im Urlaub seid, legt Ihr Handtücher zum Reservieren auf Strandliegen, die Euch auch nicht gehören. Immer glaubt Ihr, dass Euch etwas gestohlen wird.

Michel: Das ist übertrieben, aber aufpassen auf unsere Habe in den Südländern mussten wir immer schon.

Marianne: Ach Ihr armen Deutschen, arbeiten, Sauerkraut essen und Bier trinken, das könnt Ihr gut.

Michel: Das ist nicht richtig! Wir trinken nicht – die Polen tun das!

Marek: Das ist gar nicht wahr! Wir trinken schon lange nicht so viel wie die Russen.

Marianne: Wie gut ist es doch, dass heute alle diese Klischees in Wahrheit Zeichen unserer Verbundenheit sind: Was sich liebt, das neckt sich! Und auch, dass alle Kreter lügen, ist nur ein antikes „Paradoxon“, ein unterhaltsames Sprachspiel um einen logischen Widerspruch.

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Die Kreter sind Lügner und faule Bäuche

VON DIRK IPPEN

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