Sebastian Kurz bei Merkel Gegenkanzler zu Besuch GEORG ANASTASIADIS

Sebastian Kurz bei Merkel. Gegenkanzler zu Besuch .

GEORG ANASTASIADIS

Besuch aus Österreich hat man in Berlin zuletzt immer mit gemischten Gefühlen empfangen. Gleich, ob damals im Migrationsstreit oder heute im Zank um die neue Finanztransaktionssteuer für Aktiensparer: Einig sind sich die beiden Kanzler so gut wie nie. Angela Merkel ist die in Davos und New York hofierte „Miss World“ – aber Sebastian Kurz der Volksnähere. Und derjenige der beiden, der mit seiner Volkspartei noch Wahlerfolge feiert.

Der junge Katholik aus dem kleinen Österreich verkörpert, obwohl wie Merkel Christdemokrat, in fast jeder Hinsicht den Gegenentwurf zur mit zunehmender Amtsdauer immer abgehobener wirkenden preußischen Protestantin im mächtigen Berliner Kanzleramt: Die sehr deutsche Weltenrettungsrhetorik Merkels und ihrer Entourage ist ihm fremd; er käme auch nie auf die Idee, ausgerechnet dem Sparerschreck Mario Draghi die höchste staatliche Ehrung zuteilwerden zu lassen. Und während Berlin, um die Grundrente zu finanzieren, gerade die Kleinanleger schröpfen will, warnt Kurz genau davor.

Warum gab es denn die enorme Aufregung um den deutschen Orden für Draghi? Weil er ein Symptom dafür ist, wie kühl und routiniert die politische Klasse in Deutschland heute an den Menschen vorbeiregiert. Die Ordensverleihung steht exemplarisch für vieles, was die Bürger ärgert: natürlich für die Enteignung der Sparer durch die EZB mit Billigung Berlins. Aber auch für eine überzogene Willkommenskultur, galoppierende Strompreise, für das böse Spiel mit den Dieselfahrern. Kurzum: für eine Politik, die den Menschen nicht erklärt wird (und auch nicht erklärt werden kann). Sie findet ihre Rechtfertigung nur in der Inanspruchnahme einer Hypermoral (die Flüchtlinge! das Klima!), die aber am Fühlen vieler Bürger vorbeigeht. Daraus erwachsen Entfremdung und gesellschaftliche Spaltung, aber keine Wärme und kein Vertrauen. Der Wiener Kanzler genießt dieses Vertrauen; seine Machtbasis ist die Nähe zu seinen Wählern. Das macht ihn für Merkel zur wandelnden Provokation. Er hat, was ihr fehlt.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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