Der Schutz der Vernünftigen

Anstieg der Infektionen. CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER.

In der Corona-Krise sind Politik und Gesellschaft ein lernendes System. Die Regeln, Limits und Gebote ändern sich alle zwei Wochen je nach Erkenntnisstand und Infektionslage. Das ist mühsam und gewöhnungsbedürftig in unserem trägen Rechtssystem. Und leider verführt es dazu, nach der dritten, fünften, neunten Verordnung die Details nicht mehr so ernst zu nehmen.

Der Anstieg der Infektionszahlen war nicht unvermeidlich, sondern geht vor allem auf Hygieneverstöße zurück. Die Restriktionen sind gelockert, das war gut so und zeitlich angemessen. Der Umgang mit den Rest-Regeln passt aber nicht. Zu viele nehmen das Infektionsrisiko leicht. Und zu oft drücken Verantwortliche in Staat und Wirtschaft ein Auge zu. Beispiel Bahn: Schwarzfahrer verfolgt das Unternehmen unerbittlich, es geht ja ums Geld, aber Maskenverstöße mag der Konzern nicht ahnden – dabei geht es um die Gesundheit der Kunden. Wegducken reicht nicht als Strategie gegen ein tödliches Virus. Nicht hier, nicht bei religiösen Festen und Riten, wo sich Infektionen auffällig häufen, und auch nicht in Graubereichen der Wirtschaft, Stichwort Schlachthöfe und Erntehelfer.

Der Staat, März bis Mai allmächtig, hat sich mitten in der Pandemie zurückgenommen zugunsten von mehr Eigenverantwortung. Vorsicht, Rücksicht und Lebensfreude sollen sich neu einpendeln in diesem Corona-Jahr. Dieses richtige Konzept funktioniert nur, wenn die verbliebenen Regeln unaufgeregt, aber konsequent durchgesetzt werden – auf den Party-Plätzen, in den Verkehrsmitteln, bei den Urlaubern. Das ist nicht Schikane vermeintlich Mutiger, sondern Schutz der vernünftigen Mehrheit.

Christian.Deutschlaender@ovb.net

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