Erdogan und Macron: Rumpelstilzchen aus Ankara

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MARCUS MÄCKLER

Mehrmals im Jahr überkommt den türkischen Präsidenten ein Anfall schlimmster Schimpfsucht. Nicht zufällig natürlich, sondern um in Europa mal wieder von sich reden zu machen und seine Position als heimlicher Anführer der arabischen Welt zu festigen.

Nun hat er einen neuen Anlass gefunden, tagelang Rumpelstilzchen zu spielen: Im Karikaturen-Streit mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nutzt Erdogan die üblichen Zutaten – religiöse Gefühle, Rassismus-Vorwürfe, Nazi-Vergleiche – um sein Giftsüppchen zu kochen und (auch bei Europas) Muslimen Eindruck zu schinden.

Krawall-Kultur

Wirklich erstaunlich ist nur, wie wenig das alles noch erstaunt. Dass Erdogan den Kulturkampf ausruft, um politisch zu punkten, ist ein gut eingespieltes Ritual. Dass er die Dialogfähigkeit seines Landes mit Europa nachhaltig beschädigt und durch eine Krawall-Kultur ersetzt, längst eine Gewissheit. Es ist ein zynisches und verachtenswertes Spielchen, bei dem es inzwischen besonders darauf ankommt, ob und wie das Gegenüber mitmacht. Macron ist dabei in keiner leichten Situation. Mit allem Recht der Welt verteidigt er nach dem islamistischen Mord an einem französischen Lehrer Meinungsfreiheit und die freie Gesellschaft – und lässt sich so zugleich in einen ziellosen Streit hineinziehen. Umso wichtiger, dass ihm Berlin und Rom zur Seite springen. Gegen einen Provokateur und Spalter wie Erdogan hilft nur der Schulterschluss.

Marcus.Maeckler@ovb.net

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