Mut ist richtig, Übermut nicht

Öffnung in Corona-Zeiten. MIKE SCHIER.

Es ist fast genau einen Monat her, dass Bayern mit der Lockerung der Corona-Beschränkungen begann. Das Ziel, die Kurve der Neuinfektionen abzuflachen, schien weitgehend erreicht: 26 neue Fälle meldete München am 27. April. Alle Sorgen, mit einer Normalisierung des Lebens könnten die Zahlen wieder steigen, bewahrheiteten sich nicht. Gott sei Dank. Gestern meldete München sechs Neuerkrankte, am Sonntag waren es sieben. Der Kurvenverlauf beweist: Die Öffnungen waren und sind richtig. Sogar ein bisschen mehr Mut wäre möglich gewesen.

Allerdings darf man Mut nicht mit Übermut verwechseln. Niemand sollte glauben, dass Corona bereits Geschichte ist. Die vielen Infizierten nach einer leichtsinnigen Restaurantparty im Kreis Leer und nach einem Baptisten-Gottesdienst in Frankfurt sollten allen als Mahnung dienen: Je mehr der Staat von oben verordnete Verbote zurücknimmt, desto stärker wächst die Verantwortung des Einzelnen. Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen, Freunde und Verwandte lieber im Freien als im eigenen Wohnzimmer treffen – nichts davon hat sich überholt, auch wenn nun die Restaurants wieder öffnen. Nur wenn möglichst viele Menschen sich und andere schützen, kann die neue Freiheit Bestand haben. Die herausragende deutsche Corona-Bilanz, um die uns viele Länder beneiden, war ein Sieg der Vernunft. Jetzt heißt es, diese Vernunft nicht leichtfertig über Bord zu werfen.

Auch wenn man es nicht mehr hören mag: Das Virus ist nicht über Nacht verschwunden. Es bleibt eine Gefahr, bis ein Impfstoff gefunden ist. Bis dahin muss ganz Europa in Sachen Öffnung auf Sicht fahren. Wer dabei, wie Thüringen, zu schnell rast, erhöht unnötig das Risiko.

Mike.Schier@ovb.net

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