Meinung

Draghi soll Italien regieren: Retter um jeden Preis?

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  • vonAlexander Weber
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Mario Draghi habe in Deutschland den Ruf, deutscher als die Deutschen (also sparsam) zu sein, meinte die Südtiroler Senatorin Julia Unterberger zur Nominierung des 73-Jährigen als künftiger Regierungschef Italiens.

Wir wissen nicht genau, welchen germanischen Einzelgänger die Dame befragt hat, aber in der realen Welt der Bundesbürger ist der Name des Ex-Chefs der Europäischen Zentralbank eher mit zwei anderen Etiketten behaftet: einerseits als Retter des Euro, andererseits aber vor allem als Herr der Schuldenberge und Totengräber der Sparer. Hoffentlich macht er seinen Banker-Slogan „Whatever it takes“ (um jeden Preis) nicht auch zur Maxime seines Regierungsprogramms in Rom ...

Draghi muss seine Finesse in Senat und Parlament erst noch beweisen

Um fair zu sein: Draghi verband seine Politik des billigen Geldes immer mit der Mahnung an die klammen Euro-Staaten, die Phase der Nullzinsen zu Reformen in Wirtschaft und Politik zu nutzen. Zieht Draghi ins Palazzo Gigi ein, wird er sich an seinen eigenen Worten messen lassen müssen. Das heißt: die aus dem EU-Wiederaufbaufonds für Italien vorgesehenen über 200 Milliarden Euro nicht einfach per Gießkanne im Land zu verteilen, sondern mit ihnen endlich jene Reformen zu finanzieren, die Italien wieder zukunftsfähig machen.

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Dass Draghi das Format besitzt, sich gegen massive Widerstände durchzusetzen, hat er als EZB-Chef gezeigt. Ob er aber auch die Finesse hat, als Technokrat und nicht gewählter Politiker die nötigen Mehrheiten in Parlament und Senat zu gewinnen, muss er erst noch beweisen.

Alexander.Weber@ovb.net

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