Parteiensystem im Umbruch Die Gewinner der Ära Merkel

Parteiensystem im Umbruch. Die Gewinner der Ära Merkel .

MIKE SCHIER

Gab es jemals eine Phase in der Bundesrepublik, in der so viele Parteien gleichzeitig in massiven Führungsproblemen steckten? Es ist ja nicht nur die CDU: In der taumelnden SPD ist nach der Urwahl von Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken zwar intern etwas Ruhe eingekehrt, nach außen aber konnte das neue Duo bislang kaum Akzente setzen. In der FDP hat der Ruf von Christian Lindner nach seinem zweiten schweren strategischen Missgriff gelitten, auch wenn ihm die Partei nach dem Thüringen-Debakel das Vertrauen aussprach. Und die Linke? Knabbert noch am Abgang von Sahra Wagenknecht.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet die Grünen und sogar der Intrigantenstadel AfD verhältnismäßig stabil wirken – die Grünen trotz Vierfachspitze in Partei und Fraktion, die AfD, obwohl Björn Höcke auf Bundesebene über kein Amt und kaum Freunde verfügt. Beide ziehen sie ihre aktuelle Stärke aus den Verschiebungen des Parteiensystems: Als die Kanzlerin ihre einst konservative CDU in die Mitte rückte, um sie zu jener Kraft zu machen, die auf ewig das Kanzleramt besetzt, stärkte sie damit die politischen Ränder. Was als Nebeneffekt in Kauf genommen wurde, wächst sich nun zum ernsthaften Problem aus, zumal die AfD die anderen Parteien sogar am Nasenring durch die politische Manege führt.

Genau hier endet die kurze Parallele von AfD und Grünen. Denn während die einst als Partei der Euroskeptiker gegründete AfD ständig weiter nach rechts rückt und wie in Erfurt vor allem destruktiv wirkt, segeln die Grünen mit dem Rückenwind des Zeitgeistes in die Mitte. Reibung kann da keiner brauchen – deshalb schiebt man radikale Positionen in den Hintergrund. Und deshalb verhält man sich nach den Chaostagen von Erfurt nun verhältnismäßig still. In Zeiten, in denen sich alle anderen zerfleischen, scheint für die Grünen alles möglich.

Mike.Schier@ovb.net

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