Was uns nicht kalt lassen darf

Großdemos gegen Rassismus. CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER.

Zuallererst sind die Großdemonstrationen gegen Rassismus in deutschen Städten ein wichtiges, ja: wunderbares Signal. Es zeigt, dass unsere Gesellschaft nicht achselzuckend Gewalt und Diskriminierung gegenübersteht. Erfreulich viele Menschen wiegen sich nicht im trügerischen Glauben, die Übergriffe und Unruhen in den USA wären fern. Der neunminütige Todeskampf des Schwarzen George Floyd, erstickt unter dem Knie eines US-Polizisten, kann keine zivilisierte Gesellschaft kalt lassen.

Der Kampf gegen Diskriminierung ist richtig. Er wird dauerhaft wirken, wenn er nicht gegen, sondern von der Mitte der Gesellschaft geführt wird. In München hat die friedliche und würdevolle Demo, Deutschlands größte, den besseren Weg eingeschlagen. In Berlin und Hamburg, wo Steinewerfer und Gewalttäter mühelos in solche Kundgebungen schlüpfen und am Ende Extreme das Bild prägen, bleiben aber zwiespältige Gefühle. Ähnlich wie bei der bizarren Debatte der letzten Tage, als sich SPD-Chefin Saskia Esken trotzig zur Antifa bekannte, weil sie eine aufrechte Haltung gegen Faschismus mit linksradikalisierten Strukturen verwechselt. Auf Radikale ist eine Radikalisierung immer die falsche Antwort. Und zur Realität der Demos gehört leider die Sache mit dem Abstand. Für Menschenwürde demonstrieren, aber den Gesundheitsschutz der Schwachen ignorieren – auch da wird die vermeintlich höhere Moral schnell dünn.

Wer für Zusammenhalt und Solidarität in der Gesellschaft streitet, steht zweifellos auf der richtigen Seite. Empört und bewegt zu sein, zurecht sogar, entbindet aber auch niemanden von der Pflicht, die Mittel und die Mitstreiter seines Protests klug zu wählen.

Christian.Deutschlaender@ovb.net

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