Meinung

Ministerpräsident Ramelows Panne im neuen Online-Netzwerk „Clubhouse“: Naiv im Netz

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So nahbar waren Politiker noch nie: An einem Freitagabend mit Thüringens Regierungschef Bodo Ramelow plaudern. Dazu ein Glas Wein, gesungen wird auch. Soziale Netzwerke ermöglichen etwas, das Talkshows nicht schaffen: mitdiskutieren, jenseits der üblichen Politik-Phrasen.

Besonders verlockend: Nach den Richtlinien der neuen Audio-App „Clubhouse“ sollen alle Gespräche vertraulich bleiben. Dennoch sind Ramelows Aussagen zu seiner Empörung am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen. Und das ist richtig so.

Während die Regierungschefs bei der letzten Ministerpräsidentenkonferenz über drastische Einschränkungen der Grundrechte debattierten, schaffte Ramelow beim Zocken auf dem Handy bis zu „zehn Level Candy Crush“, erzählte er. Im Unterricht würde man einem Schüler dafür das Handy abnehmen. Es ist nicht nur naiv zu glauben, dass 3000 Zuhörer dieses Geheimnis für sich behalten. Es liegt in der Verantwortung von Journalisten, zu berichten, wenn Spitzenpolitiker mit dieser Einstellung ihr Land aus der Pandemie führen wollen.

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Klar, Politiker haben es schwer, zwischen verschiedenen Medienkanälen zu balancieren: den seriösen Ton in Interviews zu treffen und gleichzeitig locker-flockig Sympathie von jungen Leuten im Netz zu gewinnen. Aber das gehört zum Job. Wer vor Tausenden spricht, spricht öffentlich. Daran sollte ein Ministerpräsident denken – wenn er nicht das Vertrauen der Bürger verlieren will.

politik@ovb.net

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