Merkel und die Migration Ein deutsches Missverständnis

Merkel und die Migration. Ein deutsches Missverständnis .

VON GEORG ANASTASIADIS

Zwischen all den Rosarotsehern und den Schwarzmalern in der Politik haben sich die Bundesbürger einen erstaunlich realistischen Blick auf das Migrationsgeschehen bewahrt: Eine Mehrheit erkennt laut einer neuen Bertelsmann-Studie Chancen für Wirtschaft und gegen Überalterung – sieht zugleich aber Integrationsprobleme und Belastungen des Sozialstaats. Zwischen den spitzen Freudenschreien der Grünen („wir bekommen Menschen geschenkt“) und dem AfD-Geraune von der großen „Umvolkung“ ist viel Platz für Vernunft und Augenmaß.

Die Mitte gibt es also noch. Doch nach Merkels Willkommenspolitik und dem Schock des Kontrollverlusts gelingt es den alten Volksparteien CDU und SPD nicht mehr, diese Mitte politisch auf sich zu vereinen. Nirgendwo wird das so deutlich wie in Ostdeutschland. Verlustängste und die Neigung, in Flüchtlingen Konkurrenten um staatliche Sozialleistungen zu erkennen, sind dort stärker ausgeprägt als in Westdeutschland mit seiner jahrzehntelangen Wohlstandserfahrung. Hinzu kommt, dass die DDR ihren Bürgern das nationale Erbe gründlich austreiben wollte – mit den Lobliedern auf die „sozialistische Internationale“ aber das Gegenteil erreicht hat: Nirgendwo denken viele Bürger so „deutsch“ (und so wenig europäisch oder kosmopolitisch) wie im Osten. Ihnen bietet sich die AfD an.

Die Berliner Politik, allen voran Angela Merkel mit ihrem trotzigen „Wir schaffen das“, hat vor diesen Empfindungen lange die Augen verschlossen. Umgekehrt passte das – von den Bürgern erwartete – Hochziehen von Grenzen 2015 nicht in die Gefühlswelt einer Kanzlerin, die selbst aus dem Mauer-Staat DDR stammte und nicht von Zäunen träumte, sondern von Entgrenzung. Für dieses wechselseitige Nicht-Verstehen werden die alten Volksparteien 30 Jahre nach dem Mauerfall büßen müssen, wenn die Sachsen und Brandenburger am Sonntag zum Wählen gehen.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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