Merkel bricht ihr Schweigen Diese Koalition braucht Führung

Merkel bricht ihr Schweigen. Diese Koalition braucht Führung .

MIKE SCHIER

Die Bundeskanzlerin spricht also noch mit ihrem Volk. Nicht über komplizierte Außenpolitik oder abstrakte Zukunftsvisionen, sondern über aktuelle innenpolitische Themen, die viele Menschen bewegen. Über die angeblich bedrohte Meinungsfreiheit. Über mögliche Koalitionspartner ihrer Partei. Über das auch nach 30 Jahren schwierige Verhältnis von Ost und West. Und siehe da: Angela Merkel ist noch immer eine kluge Frau, die sich in diesen aufgeregten Zeiten angenehm von Amtskollegen in den USA, der Türkei oder Großbritannien abhebt.

Doch die entscheidende Frage ist, ob Merkel das „Spiegel“-Interview nur gegeben hat, weil der Druck nach der Thüringen-Wahl einfach zu groß wurde, oder ob wirkliche Einsicht einkehrt, dass eine Regierungschefin nicht über dem politischen Alltag schweben kann. Wenn die Kanzlerin jetzt „ein besseres innerdeutsches Gespräch“ fordert, sollte sie gleich selbst damit anfangen.

Die im Dauerzerfall befindliche Koalition, die sich seit Monaten ihrem Ende entgegenzuschleppen scheint, braucht dringend Führung – nicht nur per SMS nach innen, sondern vor allem für jeden Bürger sichtbar nach außen. Sowohl beim nervtötenden Dauerstreit um die Grundrente als auch in der Außenpolitik, wo sich Heiko Maas und Annegret Kramp-Karrenbauer weiter Scharmützel liefern. Merkel mag viel ihrer Autorität früherer Tage eingebüßt haben. Aber das Verlangen nach einer ordnenden Hand, die sich auch in der Verklärung eines Friedrich Merz zeigt, ist allgegenwärtig. Will Merkel bis 2021 regieren, muss sie sich ein Stück weit neu erfinden.

Mike.Schier@ovb.net

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