Die Korrektur des Basisvotums

SPD kürt Olaf Scholz. MIKE SCHIER.

Auf einmal sind sich in der SPD alle einig: Olaf Scholz, den man nicht als Parteichef haben wollte, mutiert über Nacht zum besten Mann der Partei. Die Genossen, die sich mit Norbert Walter-Borjans und vor allem Saskia Esken eigentlich für einen Linksruck entschieden hatten, ziehen ausgerechnet mit einem alten Schröderianer in die Wahl. Wahrscheinlich war es richtig, den Kandidaten schon jetzt zu benennen. Es gab ja keinen anderen – schon gar nicht die beiden schwachen Vorsitzenden. Deren oft unbedarfte Interview- und Twitteraussagen verlieren mit der Nominierung nun an Bedeutung. Im Prinzip korrigiert die SPD das Ergebnis ihres Basisvotums.

Wie glaubwürdig die Personalie für die Partei ist, steht auf einem anderen Blatt. Scholz verkörpert eher einen Kurs der Mitte. Wie Schulz, Gabriel, Steinbrück und all die anderen, derer sich die SPD in den Agenda-Nachwehen mehr oder weniger galant entledigt hatte. Ob nun ausgerechnet der wirtschaftsfreundliche Finanzminister und Vorkämpfer einer „Schwarzen Null“ der richtige Mann ist, um das vom roten Führungsduo erträumte Linksbündnis Wirklichkeit werden zu lassen?

Derzeit sieht es eher danach aus, als ob Scholz ein ähnlich unschönes Schicksal droht wie seinem Vorgänger Peer Steinbrück. Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Im Vergleich zu den Vorjahren, als sich die Partei in Grabenkämpfen erging, herrscht erstaunliche Ruhe. Vielleicht ist ja doch endlich die tiefere Erkenntnis eingekehrt: Für die SPD geht es unter Scholz nicht um die Kanzlerschaft, sondern ums politische Überleben.

Mike.Schier@ovb.net

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