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„Völkermord“ an Armeniern: Bidens Botschaft an Erdogan

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Alexander Weber
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Für den türkischen Präsidenten Erdogan hätte es kaum schlimmer kommen können: Ausgerechnet in einer Phase, in der die Türkei dringend auf wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Westen angewiesen ist und sich in der Nato und gegenüber der EU durch Sonderwege bereits weitgehend isoliert hat, legt der neue US-Präsident Biden alle diplomatische Zurückhaltung ab: Er nennt den Tod hunderttausender Armenier im Ersten Weltkrieg unter der Herrschaft des Osmanischen Reichs unverblümt „Völkermord“.

Ein Begriff, den der US-Kongress bereits 2019 benutzt, alle US-Präsidenten seit Ronald Reagan aber mit Rücksicht auf die Türkei peinlichst vermieden haben.

Was in türkischen Ohren wie ein Affront klingt – schließlich konnte sich Ankara bisher nur zu einem „Bedauern“ gegenüber den armenischen Opfern aufraffen – könnte vom US-Präsidenten ein längst überfälliges Signal an den Herrscher vom Bosporus sein. Du musst dich entscheiden, was du sein willst: Teil des Westens oder irrlichternder nationalistischer Wandler zwischen den Welten.

Bidens Vorgehen ist eine Zuckerbrot- und Peitsche-Strategie: Die türkische Entscheidung, russische Waffen zu kaufen und im Erdgasstreit gegenüber Griechenland die Muskeln zu spannen, verträgt sich nicht mit der Nato-Mitgliedschaft. Ebensowenig Erdogans innenpolitischer Kurs, Werte wie Demokratie und Menschenrechte mit Füßen zu treten. Die mögliche Wirtschaftshilfe gibt es nicht zum Nulltarif . Dazu gehört auch der ungetrübte Blick auf die Geschichte.

Alexander.Weber@ovb.net

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