Meinung

Twitter sperrt den Account von US-Präsident Trump: Kein Anlass für Häme

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  • Christian Deutschländer
    vonChristian Deutschländer
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Twitter sperrt Trump, und die Welt klatscht. Doch wenn die Häme abklingt, sollten aufgeklärte westliche Demokratien noch mal gründlich nachdenken, was genau da in der Parallelwelt der Sozialen Netzwerke geschehen ist. Und zwar nicht erst jetzt.

Über Jahre hinweg haben sich Tech-Giganten aus primär wirtschaftlichen Interessen gern zu Trumps Machtinstrument gemacht. Für seine Kommunikation, die unermüdlichen Attacken auf das „System“, war Twitter unverzichtbar. Und für Twitter war es eine Goldgrube, dass dieser Präsident seine Politik und seine Strukturen über diese Plattform steuerte.

Jetzt, nach 56.000 Tweets voll Hass und Hetze, nach der Mobilisierung des Mobs, jetzt, wo der Machtwechsel in den USA besiegelt ist, wenden sich Twitter (auch Facebook, Instagram und Amazon/Parler) von Trump ab. Ach – welch Kaninchen-Mut! Wer die Konzerne dafür feiert, übersieht noch etwas: So willfährig, wie sie die demokratiezersetzenden Botschaften Trumps (und zahlloser anderer Radikaler aus aller Welt) bisher verbreiteten, so willkürlich ist nun auch das Ende. Firmenzentralen entscheiden ohne demokratische Kontrolle, was noch zu lesen ist, was gelöscht wird. Das mag uns bei Trump kurzfristig freuen, doch in Wahrheit ist das brandgefährlich.

Soziale Netzwerke sind großartig, weil sie Menschen Stimmen und Debatten Platz geben. Sie wurden nur zu lange als rechtsfreie Räume für Hass, Hetze und Desinformation missverstanden, besonders anfällig für jene, die digitale Nachrichtenkompetenz nie gelernt haben. Das Trump-Drama lehrt: Diese Risiken zu unterschätzen, kann eine Demokratie zum Kippen bringen.

Christian.Deutschlaender@ovb.net

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