Kampf gegen Coronavirus Hat jemand die Kanzlerin gesehen?

Kampf gegen Coronavirus. Hat jemand die Kanzlerin gesehen?

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Über Nacht ist ein Ruck durch die halbe Republik gegangen. Ab sofort nimmt die Politik ernsthaft den Kampf gegen das Coronavirus auf. Zu lange hatten die Regierungen im Alles-halb-so-schlimm-Modus gehofft, sie könnten weiterhin dem satt gewordenen Land unpopuläre Maßnahmen ersparen. Das täglich schlimmere Drama in Italien – hunderte Tote, Kollaps des Gesundheitssystems, vollständige Lahmlegung eines Landes – reißt die Deutschen nun aus der Lethargie. Zumindest in Teilen. Bei näherem Hinsehen zeigt sich: Das neue Tempo geben mehrere Bundesländer vor. Bayerns drastische Verbote für Konzerte und Feste sind äußerst unschön, aber wahrscheinlich richtig; als Nächstes sollte bald auch ein klarer Kurs für temporäre Schulschließungen folgen.

Die Ministerpräsidenten kämpfen also. Das ist eine Bewährungsprobe des ach so uncoolen Föderalismus. Die Länder füllen in einer Phase, wo jeder Tag, jede Stunde zählt, eine Riesenlücke: Wo um Himmels willen ist Angela Merkel? Mit drei dahingenuschelten Sätzen am Rande eines Termins, mit Schulterklopfen für ihren Gesundheitsminister, duckt sie sich weg. Aufregung? Sie doch nicht! Eine Kanzlerin hat im Infektionsschutzrecht wenig Formalgewalt, aber stets die Macht, dem verunsicherten Land den Weg zwischen Trödelei und Panikmache aufzuzeigen. Sie wartet wie so oft ab, genau informiert, aber still. Das wirkt nicht weise und beruhigend, sondern auch im europäischen Vergleich fatal führungslos.

Christian.Deutschlaender@ovb.net

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