Meinung

Vorgezogene Zulassung für Corona-Impfstoff in Großbritannien: Johnsons tolle Brexit-Show

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  • Mike Schier
    vonMike Schier
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Mitten in die zähen Brexit-Verhandlungen, den Unmut über Boris Johnson in der eigenen Partei und den Ärger über die Lockdown-Maßnahmen ereilt die Briten die Nachricht: Unser Land beginnt als erstes in der westlichen Welt mit Impfungen gegen das Corona-Virus.

Die Neuigkeiten kommen so passend für den angeschlagenen Premier, dass man kaum an Zufall glauben mag. Eigentlich steht Johnson maximal unter Druck: Für eine Einigung mit der EU bleiben ihm nur noch wenige Tage – mit jeder Stunde wird ein ungeordneter Austritt wahrscheinlicher.

Wie groß das Chaos danach ausfällt, lässt sich schwer prognostizieren. Sicher ist aber, dass die wirtschaftlichen Folgen in Verknüpfung mit den Corona-Verwerfungen unschön werden. Zudem baut auch noch der neue US-Präsident Joe Biden, der irische Wurzeln hat, Druck in der Grenzfrage auf der Insel auf. Vorbei die Zeit, in der Donald Trump die Briten mit großzügigen Freihandels-Versprechungen aus der EU lockte.

In seiner Not versucht Johnson, sich neu zu erfinden und wirft mit noch mehr Geld um sich, als es Regierungen in Lockdown-Zeiten ohnehin schon müssen. Der grüne Vorreiter Johnson verspricht 13 Milliarden Euro für die Energiewende. Der Hardliner Johnson rüstet mit 18,5 Milliarden zusätzlich die Armee auf. Das Narrativ: Mit dem Brexit wird für die Briten alles besser. Die frühe Impfstoff-Zulassung passt hervorragend ins Bild.

Die verlassene EU muss sich aber nicht grämen. Gerade bei Impfungen ist Schnelligkeit nicht das oberste Gebot. Brüssel und Berlin werden interessiert zusehen, welche Erfahrungen Großbritannien mit dem Impfstoff macht.

Mike.Schier@ovb.net

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