Irland und der Brexit Das britische Missverständnis

Irland und der Brexit. Das britische Missverständnis .

MIKE SCHIER

Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, dass er die größten Erfolge viel zu schnell als Selbstverständlichkeit verbucht. In der Geschichte der europäischen Einigung gilt das vor allem für den Frieden auf der irischen Insel. Bis vor 20 Jahren wurde Nordirland von einem religiös geprägten Bürgerkrieg erschüttert, mehr als 3500 Menschen starben. Selbst als die katholische Republik Irland und der protestantische Norden bereits Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft waren, ging das Morden noch zwei Jahrzehnte weiter. In der Grenzregion kann jede Familie traurige Geschichten davon erzählen.

Nicht nur vom europäischen Festland aus wird oft übersehen, dass die Wunden aus dieser Zeit längst nicht verheilt sind. Wenn Regierung und Parlament in London nun für den Brexit eine vernünftige irische Grenzlösung opfern, zeigt das eigentlich nur eines: Sie haben Europa als gigantisches Friedensprojekt bis heute nicht verstanden. Noch immer sehen sie die EU als reines Zweckbündnis für wirtschaftliche Interessen. Und sie ignorieren auch, welche Fliehkräfte ihre Strategie auf das Königreich selbst entwickeln kann: Viele Nordiren und Schotten beobachten das unwürdige Spektakel von Westminster mit Schaudern. Von wegen Siegerin Theresa May!

Die Republik Irland ist so etwas wie das Gegenbeispiel zu den Briten: Nach überstandener Finanzkrise und im Angesicht des Brexits mutieren sie zu regelrechten Fans der europäischen Idee. Ausgerechnet in dem Land, das 2008 noch den Vertrag von Lissabon in einem Referendum abgelehnt hatte, haben laut „Eurobarometer“ inzwischen 64 Prozent ein positives Bild von der EU – der Spitzenwert aller Mitgliedsländer. Pointe am Rande: Die Iren wiederholten ihr Lissabon-Referendum 2009, plötzlich stimmten zwei Drittel mit Ja. Heute sind sie sehr glücklich damit. Ein Schelm, wer da Parallelen zu den Briten sieht. . . 

Mike.Schier@ovb.net

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