Heuchelei auf beiden Seiten

Werbe-Boykott bei Facebook. MARC BEYER.

Warnschüsse gehen gewöhnlich in die Luft, sie sollen Eindruck machen, aber nicht weh tun. Dieser aber, den Dutzende Weltkonzerne zuletzt Richtung Facebook abfeuerten, hatte nicht nur symbolischen Charakter. 56 Milliarden Dollar Börsenwert büßte der Tech-Konzern zwischenzeitlich ein. Da zuckt sogar ein Multimilliardär.

Und siehe da, plötzlich bewegt sich Mark Zuckerberg, wenigstens ein bisschen. Was die Rassismusdebatten nicht vermochten, schaffte die Drohung, ein wenig am Geldhahn zu drehen. Nur diese Sprache versteht Zuckerberg, nur auf dieser Ebene zeigt er Regungen. Entsprechend vorsichtig sind seine Ankündigungen zu bewerten. Vieles klingt schwammig, manche Maßnahme wird kaum spürbar sein und untergehen in den Fluten der schmutzigen Botschaften. Zuckerberg geht es nicht um einen Wandel, sondern um Schadensbegrenzung.

Die Heuchelei findet aber auf beiden Seiten statt. Haas und Hetze vergiften seit Jahren das Netz, ohne dass aus der Wirtschaft ernsthafte Initiativen bekannt geworden wären. Erst jetzt, unter dem Eindruck der Rassismusdebatte, scheinen sich die Konzerne ihres Einflusses bewusst zu werden. Vielleicht aber auch nur einer günstigen Gelegenheit, sich im Licht einer guten Sache zu sonnen. Wie viel davon bleibt, ist dann wieder eine andere Frage. Erst mal ist der Boykott auf einen Monat befristet. Einen Wandel wird es in dieser Zeit kaum geben.

Dabei zeichnet sich die nächste Herausforderung bereits ab. Im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen dürften alle Dämme von Anstand und gutem Geschmack brechen. Facebook wird reichlich Gelegenheit haben, sich an seinen Ankündigungen messen zu lassen.

Marc.Beyer@ovb.net

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