Freispruch für Kardinal Pell Das Kapitel ist noch nicht beendet

Freispruch für Kardinal Pell. Das Kapitel ist noch nicht beendet .

CLAUDIA MÖLLERS

Kardinal George Pell, der im März 2019 in Australien nach einem aufsehenerregenden Prozess wegen Kindesmissbrauchs zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden war, hat jetzt nach 400 Tagen die Haft als freier Mensch verlassen dürfen. Überraschend sprach das höchste australische Gericht den früheren Finanzminister des Vatikans zu Beginn der Karwoche frei.

Für Pell, der die Vorwürfe stets bestritten hatte, ist damit das Kapitel Missbrauch aber nicht beendet. Denn in dem Berufungsverfahren vor dem High Court ging es nicht darum, ob Pell die ihm zur Last gelegten Taten begangen hat. Sondern ob die Richter bei der Zurückweisung der Berufung Pells einen juristischen Fehler gemacht haben. Die Aussage nur eines mutmaßlichen Opfers ohne eindeutigen Beweis reichte den Richtern nicht. Missbrauchsopfer sind bestürzt – der Vatikan zeigt sich erleichtert. Auf Pell kommen jetzt aber noch weitere, zivilrechtliche Klagen von mutmaßlichen Missbrauchsopfern zu.

Dass sich Papst Franziskus gestern dazu hinreißen ließ, für alle Menschen zu beten, die unter einem ungerechten Urteil leiden, ist wieder einmal eine der erschütternden Fehlleistungen des Kirchenoberhauptes. Besser hätte er geschwiegen. Pell wird sich an seinem Lebensende in jedem Fall gegenüber einer anderen, über dem irdischen Strafrecht stehenden Macht verantworten müssen. Und da helfen keine juristischen Spitzfindigkeiten.

Claudia.Moellers@ovb.net

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