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Essay zum Kremlchef und Ukraine-Krieg

Ex-Geheimdienstler: Putin ist kein Psychopath, aber er ist hochgefährlich!

Kremlchef Wladimir Putin hat mit Wirkung zum Freitag (1. April) angeordnet, dass westliche Staaten Konten bei der Gazprombank eröffnen müssen, um weiter russisches Gas zu erhalten.
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Kremlchef Wladimir Putin

Wolf-Rüdiger Moritz (68) war Luftwaffen-Offizier, leitender Mitarbeiter beim Bundesnachrichtendienst und später Berater von Wirtschaftsbossen. Im Ruhestand nutzt er seine Expertise, um aktuelle politische Lagen einzuschätzen. Hochspannend, wie er den Ukraine-Krieg und Wladimir Putin sieht.

Polit-Experte Wolf-Rüdiger Moritz (68)

Wolf-Rüdiger Moritz, 68, begann seine Karriere als Offizier der Deutschen Luftwaffe. Von 1986 bis 1999 hatte er beim Bundesnachrichtendienst (BND) eine leitende Funktion in der Fernmeldeaufklärung. Danach wechselte er in die Wirtschaft, war unter anderem Konzernsicherheitschef bei Infineon Technologies. Seine Schwerpunkte waren die Entwicklung und Implementierung von Notfallplänen und aktives Krisenmanagement. Seit Mitte 2019 ist er im Ruhestand, beschäftigt sich privat wissenschaftlich mit aktuellen Themen, auch mit dem Ukraine-Krieg.

Putin, ist er überzeugt, sei ein Narzisst, aber nicht verrückt. Er verfolge eine klare Strategie und werde nicht klein beigeben. Die Ukraine aufzurüsten, führe nicht zu einem Frieden, sagt Moritz, der in Lenggries im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen lebt. Nötig sei ein Paradigmenwechsel des Westens – und eine Ausgangstür für Wladimir Putin aus diesem Konflikt.

Lesen Sie hier unseren Gastbeitrag von Wolf-Rüdiger Moritz:

„Putin ist ein gefährlicher Narzisst – aber kein Psychopath“

Anlässlich der Feier zum 77. Jahrestag des Sieges über Deutschland wurde viel darüber spekuliert, ob Putin Gefangene vorführt, Siegesmeldungen verkündet, eine weitere Mobilmachung verkündet oder der Ukraine den Krieg erklärt. Alles das blieb aus. Gibt das Grund zur Entwarnung? Nein, sein Ziel die Ukraine zu annektieren wird er weiter verfolgen.

Putin entwickelte seit seinem Amtsantritt einen strategischen Plan. Er will die Sowjetunion und die damalige Weltordnung wieder herstellen. Diese Absicht hat er im April 2005 ganz offen verkündet, als er den Zusammenbruch der Sowjetunion als die größte geopolitische Katastrophe bezeichnete.

Kreml-Chef Wladimir Putin bei einer Militärparade

Gewalt, Mord und Schauprozesse gehören zum Besteck

Dieses Ziel verfolgt er seit Beginn seiner Amtszeit konsequent und mit brutaler Härte. Über den von ihm provozierten Krieg in Tschetschenien inszenierte er sich als starker Führer, den die Nation braucht. 2008 führte er Krieg in Georgien, 2014 annektierte er völkerrechtswidrig die Krim. Er zentralisierte die Machtstrukturen Russlands auf das Amt des Präsidenten. Oppositionelle Kräfte und die Medien wurden Schritt für Schritt kaltgestellt. Physische Gewalt, Mordanschläge und Schauprozesse gehörten zum Besteck. Im Fall Nawalny geschah dies unverblümt vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

Den russischen Staat hat er für sich zu einem Selbstbedienungsladen umgebaut. Die Schriftstellerin Catherine Belton vergleicht das Regime Putin mit einer kriminellen Organisation. Seinen inneren Zirkel hat er mit devoten Ja-Sagern besetzt. Was er sagt, ist Gesetz.

Putin ist ein kühler Stratege. Er weiß, dass die Sicherheitsinteressen Russlands durch die Osterweiterung der Nato nicht bedroht sind. Ihm geht es nicht abstrakt um Russland, es geht um sein Ego, seine Macht und seine imperialistischen Ziele. Putin offenbart alle Anzeichen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Er inszeniert sich mit freiem Oberkörper als wilder Steppenkrieger oder als kerniger Motorradfahrer im Kreis einer Motorradgang. Süchtig nach Bewunderung will er als „Putin der Große“, der die Sowjetunion wieder hergestellt hat, in die Geschichte eingehen.

Desinformation und Lügen sind für ihn legitime Mittel

Der Krieg in der Ukraine ist nur ein Zwischenschritt. Als ehemaliger Geheimdienstoffizier ist er es gewohnt, mit nachrichtendienstlichen Methoden zu arbeiten. Desinformation und Lügen sind für ihn legitime Mittel, wie die Rede bei der Siegesfeier am 9. Mai eindrucksvoll gezeigt hat. Er will nicht verhandeln oder Kompromisse eingehen, er will gewinnen. Nur Stärke kann ihn stoppen. Seine narzisstische Persönlichkeitsstörung lässt ihn keine Empathie für andere Menschen empfinden. Das macht ihn gefährlich, aber er ist kein Psychopath. Putin hat sich auch nicht verändert, wie gern kolportiert wird. Narzissten leben in ihrer eigenen Welt, in der sie zum Erreichen ihrer Ziele intelligent rational und scheinbar freundlich handeln können. Dabei wendet er die gleichen Methoden an, wie zahlreiche Diktatoren vor ihm.

Obwohl Putins Absichten und sein Charakter so klar erkennbar waren, wurde die Bedrohung in der Vergangenheit nicht wahrgenommen und die deutsche Politik am 24. Februar von der Entwicklung überrascht.

Wolodymyr Selenskyj (links), Präsident der Ukraine, begrüßt Außenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) bei ihrem Besuch in der Ukraine

Deutschland braucht einen Nationalen Sicherheitsrat

Ein Nationaler Sicherheitsrat, der globale Entwicklungen nach einem umfassenden Risikomanagementmodell analysiert, hätte die strategische Kriegsvorbereitung Putins erkannt. Den gibt es aber nicht. Große Unternehmen erfassen schon seit Jahren alle erdenklichen Risiken in Risikomanagementsystemen und entwickeln Notfallpläne gegen die TopRisiken. Die Sicherheit der Energieversorgung und die Stabilität der Lieferketten sind dabei wesentliche Elemente. Deutschland braucht dringend einen Nationalen Sicherheitsrat, der sich an den holistischen (ganzheitlichen) „Risiko- und Business Continuity Modellen“ der Industrie orientiert.

Der Krieg in der Ukraine strahlt auch auf die Gesinnungsethik unserer Gesellschaft aus. Zeitenwende bedeutet gesellschaftlichen Wandel zur Lebenswirklichkeit. „Frieden schaffen ohne Waffen“ hat sich als Illusion erwiesen.

Vaterland und Patriotismus müssen wieder selbstverständlich werden

Viel zu lange haben Gendern und Aktivistenträumereien die Diskussion beherrscht. Begriffe wie Vaterland und Patriotismus müssen wieder selbstverständliches Vokabular werden. Es wird Zeit, die Hypothek der Kriegsschuld abzulegen und die Verantwortung wahrzunehmen, die von der viertgrößten Wirtschaftsnation der Welt erwartet wird. Außenpolitik, Wirtschaftspolitik, Kultur, Bildung, soziale Aspekte und Verteidigung müssen einem strategischen Gesamtkonzept folgen. Vordringlich aber muss nach Wegen gesucht werden, diesen Krieg zu beenden. Und auch hier ist ein Paradigmenwechsel dringend erforderlich.

Ein Krieg ist keine Reality-Show und es macht auch keinen Sinn, die Bevölkerung in Talkshows zu Verteidigungsexperten auszubilden. Dazu ist das Thema viel zu komplex und es besteht die Gefahr, dass Pseudoexperten oder laute Minderheiten mit Halbwissen überzogene Ängste schürend die Meinungsbildung beeinflussen.

Generell wird dadurch das Vertrauen in die verantwortlichen Personen in gefährlicher Weise untergraben. Das wäre so, als würde man in Talkshows darüber diskutieren, welche Operationsmethode am besten zur Herztransplantation angezeigt ist und sich anschließend von dem überzeugend auftretenden Buchautor operieren lassen.

Dennoch steckt in der Diskussion ein Kern Wahrheit. Jede militärische Stärkung der Ukraine führt zu einer Eskalation auf russischer Seite. Das erzeugt eine nach oben offene Spirale der Gewalt.

Ein Mann kocht neben seinem Haus in Mariupol, der weitgehend zerstörten Stadt im Osten der Ukraine.

Verlieren ist für Putin keine Option

Diesen Mechanismus gilt es zu durchbrechen. Putins Ziel ist die Eingliederung der Ukraine in seinen Machtbereich. Dieser Plan ist vorläufig gescheitert, aber Verlieren ist für ihn keine Option. Daher hat er zur Ablenkung ein Kriegsziel formuliert, das er für erreichbar hält. Mit der Konzentration auf den Donbass und den Landzugang zur Krim hat er das getan. Hier muss er erfolgreich sein, egal mit welchen Mitteln. Damit ist eine Rückkehr zum Status quo ante ausgeschlossen.

Eine Chance auf einen Verhandlungsfrieden gibt es nur über einen gesichtswahrenden Exit für Putin. Dieser Exit muss über Geheimverhandlungen vorbereitet werden. Mit Putin verhandeln heißt Verabschieden von westlichen Denkmustern hin zum Denken wie Putin.

Rote Linien aufzeigen

Nur über geheime Verhandlungskanäle können Putin rote Linien aufgezeigt und Absprachen zur Deeskalation getroffen werden. Setzt man ihn öffentlich unter Druck, wird er aufgrund seines Persönlichkeitsprofils mit einer medienwirksamen Gegenreaktion antworten. Diese Geheimverhandlungen können entweder über die Schiene der Geheimdienste laufen oder eine erfahrene, für beide Seiten akzeptable Person. Diese Person könnte Angela Merkel sein.

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