Erdogans böses Gebet

Kriegspräsident in der Hagia Sophia. GEORG ANASTASIADIS.

Vor 567 Jahren, am frühen Morgen des 29. Mai 1453, erlebte die christliche Welt eine ihrer schwärzesten Stunden: Der Fall Konstantinopels, der Stadt des Apostels Andreas, und die Ermordung großer Teile ihrer Bevölkerung durch die osmanischen Eroberer jagte Schockwellen nach Rom und in die hintersten Winkel der von Christen bewohnten Welt. Nach ihrer Umwandlung in eine Moschee wurde die Hagia Sophia, bis dahin fast 1000 Jahre lang die größte christliche Kirche, zum steinernen Monument des jahrhundertelangen Ringens zwischen Islam und Christentum. Erst Atatürks Geste, das Gotteshaus 1934 in ein Museum umzuwandeln, brachte die Türkei dem Westen wieder näher. Erdogans vorgeblich frommes Gebet in der Hagia Sophia bezweckte gestern das genaue Gegenteil: Ihre Rückumwandlung in eine Moschee ist der, nunmehr auch symbolisch zelebrierte, Bruch der Türkei mit Europa und den Werten der Aufklärung und der Moderne.

Erdogan krönt damit seine islamistische Agenda, die die Europäer, und hier besonders die Deutschen, trotz vielfältigster Warnungen so lange nicht wahrhaben wollten. Nicht in der Tradition des säkular und westlich eingestellten Staatsgründers Atatürk will der Präsident stehen, sondern in jener des Sultans Mehmet Fatih des Eroberers, der Ostrom dem osmanischen Reich unterwarf. Dafür hat er die Türkei zu einer expansiven Militärmacht hochgerüstet, religiös-autoritär im Inneren, aggressiv nach außen. Im Irak, in Syrien und in Libyen führt Erdogan bereits drei Kriege; den nächsten könnte der nach Erdgas dürstende Sultan schon bald in der griechischen Ägäis entfesseln.

Und wie reagiert das mit sich selbst und den Corona-Folgen beschäftigte Europa auf Erdogans immer hemmungslosere Aggressionen? Mit höflichen Ermahnungen – und Reisewarnungen für Türkei-Touristen. Die EU wird bald eine härtere Sprache für den Despoten am Bosporus finden müssen. Je verzagter die europäische Diplomatie, desto mehr sieht sich Erdogan ermutigt, Europas Verteidigungsfähigkeit zu testen. Und diesmal wird er sich nicht damit begnügen, nur Flüchtlinge gegen die EU-Grenzen in Marsch zu setzen.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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