Entgrenzte Emotionen

Lehren aus dem Nuhr-Streit . CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER.

Respekt: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) beendet den Streit mit dem Kabarettisten Dieter Nuhr, stellt seinen Beitrag wieder online und entschuldigt sich öffentlich. Das ist ungewöhnlich und steht einer Organisation, die für die Freiheit der Wissenschaft eintritt, gut zu Gesicht. Es ist auch ein Signal für die Debattenkultur. Nuhr provoziert, polarisiert, er wagt, sich über Klima-Ikone Greta lustig zu machen. Niemand ist gezwungen, darüber zu lachen. Aber in Inhalt und Form steht Nuhr voll auf demokratischem Boden. Er ist auszuhalten.

Der Streit endet somit als Lehrstück über die Aufregungswellen in der digitalen Welt, von denen sich diesmal eine über Nuhr und die DFG ergossen hatte. Wo immer sich „Shitstorms“ zusammenbrauen, ist Nachdenken geboten. Die Emotionswallungen der virtuellen Netzwerke entfalten destruktive Wucht. Selten sind reflektierte Meinungen dahinter, umso öfter befeuern anonyme Accounts den Zorn. Hier herrscht am Ende nicht Schwarmintelligenz, sondern Herdentrieb.

Das Internet hat Grenzen eingerissen. Positiv, weil Menschen leichter ihre Meinung öffentlich machen können, niemand sie davon abhalten kann. Negativ, weil damit zu oft die Grenzen des Umgangs fallen. Hass und Halbgares sind schnell getippt und gesendet, der Augenblick ersetzt Argumente, die Schrillen übertönen die Leisen. Das war zu Hochzeiten der Migrationsdebatte schon sehr anstrengend, und das schaukelt sich gerade wieder in der Corona-Diskussion unnötig hoch. Unsere Gesellschaft muss unbedingt lernen, mit dieser Schattenseite der Digitalisierung besonnener umzugehen.

Christian.Deutschlaender@ovb.net

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